{"id":133,"date":"2018-02-08T19:30:13","date_gmt":"2018-02-08T17:30:13","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=133"},"modified":"2022-11-01T14:56:57","modified_gmt":"2022-11-01T12:56:57","slug":"krieg-der-sterne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=133","title":{"rendered":"Krieg (der Sterne)"},"content":{"rendered":"<p>Diejenigen, die mich kennen, wird es wohl nicht schockieren. Ich bin Science Fiction-Fan.<\/p>\n<p>Von <em>Star Wars<\/em>, \u00fcber <em>Star Trek<\/em>, <em>Raumpatrouille Orion<\/em> und <em>Stargate<\/em> bis hin zu <em>Battlestar Galactica<\/em>. Zum einen war ich schon als Kind fasziniert von der Kreativit\u00e4t und den verr\u00fcckten Figuren in den Bars und Spelunken des Star Wars-Universums, zum anderen finde ich, dass die <strong>Utopie<\/strong> als ein Genre der politischen Philosophie viel zu wenig Beachtung erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Deshalb haben mein Mann und ich uns dieses Silvester auch f\u00fcr einen Krieg-der-Sterne-Marathon entschieden, mit einem Kinobesuch als kr\u00f6nendem Abschluss.<\/p>\n<p>Aber keine Angst \u2013 Spoiler Alarm ist unn\u00f6tig, zumindest was <em>Die letzten Jedi<\/em> betrifft! Und in diesem BLOG-Eintrag geht es gar nicht vorrangig um die <em>Letzten Jedi<\/em>, sondern um <strong>Science Fiction<\/strong>, <strong>(Super-) Held(inn)en<\/strong> und <strong>Politik<\/strong> im Allgemeinen.<!--more--><\/p>\n<p>Zum Beispiel um Leia als starke Anf\u00fchrerin, die auch in den <em>Letzten Jedi<\/em> wieder mit von der Partie ist. Konservative Stimmen in den USA \u00fcbten diesbez\u00fcglich auch gleich Kritik: der Film sei <strong>viel zu liberal<\/strong>, zu viel Frauenpower, wie auch die \u00fcbrigen Filme aus der Disney-Schmiede. Um<strong> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stargate_%E2%80%93_Kommando_SG-1#Teal%E2%80%99c\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teal\u2019c<\/a> <\/strong>zu zitieren (es muss ja nicht immer <strong>Sokrates<\/strong> sein): In der Tat.<\/p>\n<p>M\u00e4nner mit Angst vor starken Frauen werden weniger Freude an dem Film haben.<\/p>\n<p>Allerdings war <em>Krieg der Sterne<\/em> auch von Anfang an <strong>Kampfplatz der Geschlechter<\/strong> \u2013 mitunter auf sehr sympathische und humorvolle Weise, wie ich finde.<\/p>\n<p>Prinzessinnen und <strong>Jedi-<em>Ritter<\/em><\/strong>, a long time ago in a galaxy far, far away, das klingt zwar sehr nach M\u00e4rchen, laut George Lucas \u201eein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krieg_der_Sterne#cite_note-7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">M\u00e4rchen ohne utopisches Versprechen<\/a>. Das Drehbuch k\u00f6nnte von den Br\u00fcdern Grimm stammen\u201c. Und tats\u00e4chlich: Die Prinzessin sitzt angekettet in der <strong>H\u00f6hle des Drachen<\/strong> und wartet auf den Ritter, der sie befreit. Die Szene kennen wir alle und das sp\u00e4rliche, Bikini-artige Outfit, das Carrie Fisher dort tr\u00e4gt, hat wie auch ihr wei\u00dfes Gewand Kultstatus. Letzteres hat diesen vielleicht auch deshalb, weil es zwar hochgeschlossen ist, sich darunter aber nicht viel zu befinden scheint. Carrie Fisher erkl\u00e4rte dies sp\u00e4ter damit, dass laut Lucas der Weltraum<a href=\"https:\/\/www.vanityfair.com\/hollywood\/2016\/12\/carrie-fisher-dies-strangled-by-bra-wishful-drinking\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong> Unterw\u00e4sche-freie Zone<\/strong><\/a> sei, da sich der K\u00f6rper in der Schwerelosigkeit ausdehne, der BH jedoch nicht.<\/p>\n<p>Da kommen einem viele Ungereimtheiten in den Kopf. Was f\u00fcr einen BH gilt, scheint nicht f\u00fcr den G\u00fcrtel von Han Solo aka Harrison Ford zu gelten. Ja, aus heutiger Sicht scheint einiges an den alten Star Wars-Filmen nicht frei von <strong>Sexismen<\/strong> zu sein. Die Prinzessin, die im Bikini neben dem Drachen angekettet sitzt. Das d\u00fcrfte den konservativen Kritikern besser gefallen. In der Tat.<\/p>\n<p>Aber Leia ist keineswegs die Prinzessin in N\u00f6ten, die gerettet werden muss. Sie wei\u00df sich schon ganz gut selbst zu helfen. Sie sitzt gerade nicht passiv neben Jabba the Hutt und wartet, dass Han oder Luke sie von ihren Ketten befreien, nein, sobald sich die Gelegenheit bietet greift sie kurzer Hand diese Ketten und erw\u00fcrgt ihren Peiniger selbst.<\/p>\n<p>Dieses humorvolle <strong>Infragestellen von Geschlechterrollen<\/strong> unterscheidet sich von trockenen Abhandlungen \u00fcber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mansplaining\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mansplaining<\/a>, dem \u201eherablassenden Sprechen eines Mannes, der f\u00e4lschlicherweise davon ausgeht, er wisse mehr \u00fcber den Gespr\u00e4chsgegenstand als die \u2013 meist weibliche \u2013 Person, mit der er spricht\u201c. Prinzessin Leia verwies Mansplaining bereits 40 Jahre vor Erfindung dieses Ausdrucks in die Schranken. W\u00e4hrend <strong>Wookiees<\/strong> und <strong>Menschenm\u00e4nner<\/strong> schimpfen und jammern, weil sie unter Beschuss in der Falle sitzen, schie\u00dft sie einfach mal ein Loch in die Wand und fragt, worauf die Herren der Sch\u00f6pfung denn warten.<\/p>\n<p>Gut, die Sache mit der M\u00fcllpresse h\u00e4tte dann besser laufen k\u00f6nnen\u2026 Auch ihr Versuch Han Solo aus den F\u00e4ngen Jabba the Hutts zu befreien l\u00e4uft nicht wie geplant, sondern endet mit der beschriebenen Bikini-Szene. Aber das trifft auf viele Aktionen ihrer m\u00e4nnlichen Kollegen ebenso zu. Star Wars ist voller <strong>missgl\u00fcckter Versuche<\/strong> der Rebellenallianz.<\/p>\n<p>Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die alten Filme uns in eine <strong>Fantasiewelt<\/strong> entf\u00fchrt haben, uns eine Auszeit geg\u00f6nnt haben. M\u00e4rchen eben. Jetzt sei alles <strong>politisiert,<\/strong> politisch-\u00fcberkorrekt oder belehrend: Star Wars wurde aus dem Reich der Wirklichkeitsflucht mitten in die Politik geworfen (<a href=\"http:\/\/edition.cnn.com\/2017\/12\/18\/entertainment\/star-wars-politics\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201epulling &#8222;Star Wars&#8220; from the realm of escapism into politics\u201c<\/a>). Ja, anstrengend ist das mit der <em>political correctness.<\/em><\/p>\n<p>Die Politisierung der Filmkunst ist allerdings nur dann anstrengend und nervig, wenn etwas politisiert wird, was eigentlich gar nicht politisch ist. Die ersten neuen Filme von Episode I bis III lie\u00dfen sich als \u201ekonservativ\u201c bezeichnen: sie gl\u00e4nzen nun wirklich nicht mit innovativen Charakteren, Jar Jar Binks w\u00e4re auch ohne <strong>rassistische Bez\u00fcge<\/strong> nervig genug und Padm\u00e9 ist im Vergleich zu ihrer Tochter Leia alles andere als ein <strong>Vorbild f\u00fcr junge Frauen<\/strong> (von einer politischen Anf\u00fchrerin zu einer emotional abh\u00e4ngigen Ehefrau, die an \u201agebrochenem Herzen\u2018 stirbt).<\/p>\n<p>Die Episoden VII und VIII schlagen eher ins Gegenteil. Ob Disney mit seinem Prinzip der ethnischen Vielfalt und zumindest einigen interessanten Frauenfiguren nun tats\u00e4chlich zu liberal ist, wie von Ted Cruz und anderen Konservativen kritisiert, oder ob es doch nur um Einschaltquoten geht, zumindest haben wir hier weniger <strong>Stereotype.<\/strong> Das ist erfrischend. Aber auch nicht schwer. Wir hatten ja sogar weniger Stereotype in den alten Filmen.<\/p>\n<p>Der Vorwurf der Politisierung erscheint bei genauer Betrachtung allerdings an sich wenig \u00fcberzeugend. Ob konservativ oder liberal, innovativ oder traditionell &#8211; <strong>politisch ist das doch irgendwie alles<\/strong>.<\/p>\n<p>Und was die alten Filme betrifft, l\u00e4sst sich eigentlich \u00fcberhaupt nicht von einer Politisierung sprechen. M\u00e4rchenelemente hin oder her \u2013 Wie unpolitisch kann denn ein Film namens <strong>KRIEG der Sterne<\/strong> sein, in dem es um Imperien, Kolonien und Rebellion geht und der in der Nach-Nixon-\u00c4ra und der Zeit des Kalten Kriegs entstand? Mal ehrlich? Die konservativen Kritiker, die die Politisierung der neuen Filme kritisieren und die alten so sch\u00e4tzen, weil sie uns in eine Fantasiewelt entf\u00fchren, haben das wohl \u00fcbersehen. Und auch, dass <strong>Utopien<\/strong> und Dystopien eben nicht einfach ein literarisches bzw. filmisches Genre sind wie <strong>Groschen-Romane<\/strong> und Rosamunde Pilcher-Filme, sondern auch ein Genre der politischen Philosophie. Von Platons <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Politeia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Politeia<\/em><\/a>, \u00fcber Thomas Morus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Utopia_(Roman)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Utopia<\/em><\/a> oder Fran\u00e7ois Rabelais\u2018 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gargantua_und_Pantagruel#Gargantua\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Abtei von Th\u00e9lem\u00e8<\/a> bis hin zu George Orwells <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/1984_(Roman)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>1984<\/em><\/a> und Aldous Huxleys <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sch%C3%B6ne_neue_Welt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Sch\u00f6ner neuer Welt<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>Und umgekehrt sind es gerade Kriegs- und Krisenzeiten, die diese Formate hervorbringen. Die goldene Superheld(inn)en-\u00c4ra von den 1930ern bis 1950 mit Superman, Captain Marvel und Wonder Woman fiel nicht von ungef\u00e4hr mit dem <strong>zweiten Weltkrieg<\/strong> zusammen und die silberne Superheld(inn)en-\u00c4ra mit den Fantastic Four, X-Men und Spiderman war die des (Kalten) Krieges und der <strong>Studentenproteste.<\/strong><\/p>\n<p>Und das hat mich nachdenklich gemacht.<\/p>\n<p>Denn als ich im Herbst <em>Wonder Woman<\/em> im Kino gesehen habe, wurden in der Werbung Trailer f\u00fcr weitere <strong>f\u00fcnf<\/strong> Superheld(inn)en- und Science Fiction-Filme gezeigt, darunter <em>War for the Planet of the Apes<\/em>, <em>Blade Runner 2049<\/em>, Marvel\u2019s<em> Thor: Tag der Entscheidung<\/em> und DCs <em>Justice League<\/em>. Und die Suche \u201eDie besten [!] Kriegsfilme 2017\u201c landet <strong>36 Treffer<\/strong>, darunter <em>Die Frau des Zoodirektors<\/em> oder <em>Dunkirk<\/em>, die historischen Stoff behandeln, aber mit <em>The Wall<\/em>, <em>War Machine<\/em>, <em>Sand Castle<\/em> oder <em>Unfallen<\/em> auch viele Filme, die beunruhigend <strong>aktuelle Kriegsgeschehen<\/strong> aufgreifen.<\/p>\n<p>Wirklich erschreckend: W\u00e4hrend ich die Trailer vor <em>Wonder Woman<\/em>, einem Klassiker des Golden Age of Comic Books, in einem Kino in Kyoto, Japan, ansah, berichteten die Nachrichten rund um die Uhr \u00fcber die <strong>Raketentests Nordkoreas<\/strong>. Nicht <em>a long time ago in a galaxy far, far away<\/em>. Nein, hier und jetzt und gleich nebenan.<\/p>\n<p>Wenn Superheld(inn)en und Kriegsfilme im weitesten Sinne eine Art <strong>Barometer<\/strong> f\u00fcr den Zustand unserer Welt sind, dann scheint es um diese Welt tats\u00e4chlich nicht gut zu stehen. Das <a href=\"https:\/\/www.hiik.de\/de\/konfliktbarometer\/pdf\/ConflictBarometer_2016.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Heidelberger Institut f\u00fcr internationale Konfliktforschung <\/a>\u00a0z\u00e4hlte im Jahr 2015 insgesamt <strong>226 gewaltsame Konflikte<\/strong>, davon 38 \u201chighly violent\u201c. W\u00e4hrend ich zusah, wie Wonder Woman Pickelhauben platt macht, fragte ich mich unweigerlich: Befinden wir uns vielleicht gerade im Bronzenen Zeitalter der Superhelden und- heldinnen? Oder Schlimmer: wieder im Goldenen?<\/p>\n<p>Daran musste ich wieder denken, als wir <em>Rogue One<\/em> w\u00e4hrend des Kinomarathons sahen. Das ist kein M\u00e4rchen. Das ist <strong>Krieg im Paradies<\/strong>. Ein wei\u00dfer Sandstrand, Palmen unter strahlend-blauem Himmel. Bewaffnete Rebellen, die eine Festung st\u00fcrmen. Die neuen Filme sind rau, die Menschen sind schmutzig, sie bluten, leiden und sterben. F\u00fcr die Rebellion. Das ist <strong>radikal.<\/strong> Und es ist <strong>echt.<\/strong> Es passiert ebenfalls hier und jetzt und gleich nebenan. Im Sudan, in Afghanistan, in Syrien. Unter blauem Himmel und Palmen.<\/p>\n<p>Insbesondere <em>Rogue One<\/em> ersch\u00fcttert mich immer wieder. Genauso wie das obige Bild, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wassili_Wassiljewitsch_Wereschtschagin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eApotheose des Kriegs\u201c<\/a> von Wassili Wassiljewitsch Wereschtschagin.<\/p>\n<p>Und das ist gut so. Denn auch daf\u00fcr ist Kunst da. Und wer das nicht will, soll doch Rosamunde Pilcher anschauen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diejenigen, die mich kennen, wird es wohl nicht schockieren. Ich bin Science Fiction-Fan. Von Star Wars, \u00fcber Star Trek, Raumpatrouille Orion und Stargate bis hin zu Battlestar Galactica. 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