{"id":142,"date":"2018-04-17T22:42:41","date_gmt":"2018-04-17T20:42:41","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=142"},"modified":"2022-11-01T14:56:36","modified_gmt":"2022-11-01T12:56:36","slug":"macht-bildung-gluecklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=142","title":{"rendered":"Macht Bildung gl\u00fccklich?"},"content":{"rendered":"<p>Eine meiner Studentinnen hat sich k\u00fcrzlich als Titel ihrer Bachelor-Arbeit die Frage ausgedacht: <strong>Macht Bildung gl\u00fccklich?<\/strong> Ein sch\u00f6ner Titel. Und ein sch\u00f6nes Thema (es wird um Platon gehen). Aber pl\u00f6tzlich begann in mir selbst die Frage zu rumoren. Macht Bildung gl\u00fccklich?<\/p>\n<p>Herbert Schn\u00e4delbach, ein mittlerweile pensionierter Philosoph, sagte einmal zu Beginn einer Lehrveranstaltung zur Einf\u00fchrung in die Philosophie: <strong>Philosophie<\/strong> macht nicht gl\u00fccklich. Daraufhin seien einige der neuen Studierenden aufgestanden und h\u00e4tten die Vorlesung verlassen.<\/p>\n<p>Ja, Philosophie macht nicht gl\u00fccklich.<!--more--> Viele Fachfremde erwarten von mir, dass ich Ihnen den <strong>Sinn des Lebens<\/strong> er\u00f6ffne, wenn sie mich in einer Kneipe oder auf einer Party in ein Gespr\u00e4ch verwickeln. Da muss ich sie jedes Mal entt\u00e4uschen. \u201eSinn des Lebens\u201c haben wir leider alle nicht studiert. Da w\u00e4re Monty Python noch ein besserer Ansprechpartner. Nein, wir haben so spannende Dinge wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pr%C3%A4dikatenlogik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Quantorenlogik<\/strong> <\/a>geb\u00fcffelt oder in endlosen Vorlesungen Ausf\u00fchrungen \u00fcber den Lebensweg und die Meisterhaftigkeit einzelner Philosophen gelauscht, im besten Falle noch so etwas mitbekommen wie <strong>feministische Philosophie<\/strong> oder <strong>angewandte Ethik<\/strong>. Aber ganz ehrlich: Die machen beide auch nicht gl\u00fccklich. Die eine behandelt Themen von der Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse bis hin zu Gewalt gegen Frauen, die andere fragt, wann und warum die <strong>Todesstrafe<\/strong> oder <strong>Sterbehilfe<\/strong> gerechtfertigt sind.<\/p>\n<p><strong>Gl\u00fccklich geht anders.<\/strong><\/p>\n<p>Und bei genauer Betrachtung ist es noch schlimmer. Wir machen nicht nur uns selbst nicht gl\u00fccklich, nein: auch andere. Denn wir sind diejenigen, die immer das <strong>Haar in der Suppe<\/strong> finden. Und manchmal sogar, wie in der italienischen Variante des Sprichwortes, das meine italienische Freundin mir verraten hat, das Haar im Ei. Ein Haar in der Suppe zu bem\u00e4ngeln ist ja noch in Ordnung, da wurde gegen eine <strong>legitime Erwartungshaltung<\/strong> (eine Speise ohne physische Hinterlassenschaften des Servicepersonals) versto\u00dfen und berechtigt Kritik ge\u00fcbt. Das sind im Kern auch Bereiche der in diesem Fall praktischen Philosophie. Wann ist <strong>Kritik<\/strong> gerechtfertigt? Sprichw\u00f6rtlich immer ein Haar in der Suppe zu finden ist aber ziemlich anstrengend f\u00fcr die Kritisierenden und die Kritisierten. Und nicht selten schie\u00dfen wir auch \u00fcbers Ziel hinaus und finden das Haar im Ei, einen Fehler, der eigentlich <strong>gar nicht sein kann<\/strong> (sofern es sich nicht um R\u00fchrei handelt).<\/p>\n<p>Bekritteln ist unsere Berufskrankheit, ganz klar.<\/p>\n<p>Ein Kollege sagte einmal, dass das mit ein Grund ist, warum die Naturwissenschaften eher <strong>F\u00f6rdergelder<\/strong> bekommen. Die finden alles toll, was die Kollegen und Kolleginnen machen und schreiben ihre Gutachten f\u00fcr Forschungsantr\u00e4ge entsprechend positiv. Bei uns klingt das anders (selbst wenn wir den Antrag eigentlich gut finden). Wir erinnern uns vielleicht alle an die \u201eWillst-Du-mit-mir-gehen-Briefchen\u201c aus der Schulzeit.<\/p>\n<p><em>Willst Du mit mir gehen, kreuze an:<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><em>ja <\/em><\/li>\n<li><em>nein <\/em><\/li>\n<li><em>vielleicht <\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die philosophische Variante s\u00e4he so aus:<\/p>\n<p><em>Willst Du mit mir gehen, kreuze an:<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><em>ja, aber\u2026 <\/em><\/li>\n<li><em>nein, es sei denn\u2026<\/em><\/li>\n<li><em>vielleicht, und zwar wenn und nur genau dann wenn\u2026 <\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Bin ich vom Thema abgeschweift? Ging es nicht um die Frage, ob <strong>Bildung<\/strong> gl\u00fccklich macht?<\/p>\n<p>Ich bin nicht abgeschweift, weil f\u00fcr mich Bildung und Philosophie unmittelbar zusammenh\u00e4ngen. Das Wort \u201eBildung\u201c ist ein recht junger Begriff, der im so genannten p\u00e4dagogischen 18. Jahrhundert wichtig wurde. Denker wie zum Beispiel Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt (das ist der \u00e4ltere der beiden Br\u00fcder) haben damals <strong>Theorien zur Bildung<\/strong> aufgestellt. Eine Definition von Bildung ist, dass sie im Unterschied zur Erziehung ein gewisses Ma\u00df an <strong>Selbstst\u00e4ndigkeit<\/strong> und <strong>Freiheit<\/strong> erfordert. Am Anfang der Erziehung stehen zun\u00e4chst F\u00e4higkeiten, die sich, wie Kant es nennt, \u201e<strong>mechanisch<\/strong>\u201c ein\u00fcben lassen. Bildung beschreibt aber einen Prozess, bei dem irgendwann auch <strong>Moral<\/strong> ins Spiel kommt und die Jugendlichen beginnen, das Lernen selbst zu lernen. Sich frei und ihren Anlagen nach zum Besten hin zu entwickeln \u2013 Kant sagt \u201eauswickeln\u201c, wie eine Bl\u00fctenknospe \u2013 und, man glaubt es kaum: am Ende die <strong>Idee der Menschheit<\/strong> in der eigenen Person zu realisieren. Zumindest, wenn es nach Kant und Humboldt geht.<\/p>\n<p>Das ist ganz sch\u00f6n viel verlangt.<\/p>\n<p>Die Idee der Menschheit in meiner Person zu verwirklichen, das bedeutet nicht weniger, als all die <strong>Erwartungen<\/strong>, die an die gesamte Menschheit im Sinne des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Humanismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Humanismus<\/a> gestellt werden k\u00f6nnen, in meinem Handeln zu verwirklichen: Intelligenz, Moralit\u00e4t, Geschmack. Ein guter, kluger, eben <strong><em>gebildeter<\/em> Mensch<\/strong> sein.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich bin allerdings der Ansicht, dass das weniger idealistisch ist, als es scheint. Es beschreibt ein Ideal, dass <strong>anzustreben<\/strong> allein schon Erfolg genug sein kann. Und anstrengend genug ist es allemal! Am Ende von <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/-3645\/63\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Goethes <em>Faust<\/em><\/a> singen die Engel: \u201eWer immer strebend sich bem\u00fcht, Den k\u00f6nnen wir erl\u00f6sen.\u201c Genug durchgemacht und genug Unheil angerichtet hat Faust auf seinem Weg dahin aber auch. \u201e<strong><a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/-3664\/3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Es irrt der Mensch so lang er strebt.<\/a>\u201c<\/strong> Der Faust des 21. Jahrhunderts scheint eher das Motto zu haben: Es strebt der Mensch so lang er lebt. Und dar\u00fcber hinaus, wie in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Faust_(2011)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sokurows Verfilmung<\/a>. Am Ende stolpert Faust durch eine der trostlosesten Landschaften und verk\u00fcndet: \u201eWeiter. Immer weiter!\u201c Aber wohin denn eigentlich?<\/p>\n<p>Dieses <strong>Streben<\/strong> nach Bildung und nach Wissen kennzeichnet auch und insbesondere die Philosophie. Und\u00a0 es scheint tats\u00e4chlich nicht gerade gl\u00fccklich zu machen. Die wenigsten Studierenden wissen wohl, was das lateinische Verb <strong><em>studere<\/em><\/strong> eigentlich bedeutet: sich eifrig bem\u00fchen. Sie wissen aber sehr wohl, was ein <strong>Tinnitus<\/strong> oder ein <strong>Burnout<\/strong> sind.<\/p>\n<p>Das Tragisch-Ironische an der ganzen Sache ist, dass es vor allem Humboldt um eine Verbesserung ging. Er wollte einen gleichberechtigten Zugang zum Studium und die <strong>M\u00f6glichkeit des sozialen Aufstiegs<\/strong> unabh\u00e4ngig vom Bildungshintergrund und Einkommen der Eltern schaffen. Selbst aus dem Adel stammend, aber von Kants Schriften und dem neuen Wind, den die Franz\u00f6sische Revolution mit sich brachte, schwer beeindruckt, wollte er etwas ver\u00e4ndern. Sein Ideal war, dass die Schule die Kinder so <strong>vielf\u00e4ltig<\/strong> mit Themen und Methoden die Welt zu erkunden in Ber\u00fchrung bringen sollte, dass diese aus sich heraus nicht nur ihren jeweiligen Beruf, nein, ihre <strong>Berufung<\/strong> finden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das war auch n\u00f6tig, nachdem die St\u00e4ndegesellschaft abgeschafft war und der Beruf nicht mehr \u201e<strong>vererbt<\/strong>\u201c wurde. Und nicht mehr das Portemonnaie des Herrn Papa sollte entscheiden, wer auf die Universit\u00e4t kam, sondern die <strong>Begabung<\/strong>. Diese wurde dann irgendwann tats\u00e4chlich zumindest in der Theorie fair gepr\u00fcft, durch Einf\u00fchrung des Abiturs. Das Portemonnaie des Herrn Papa spielte nat\u00fcrlich weiterhin eine wichtige Rolle, denn Studienf\u00f6rderung im Sinne von Baf\u00f6G gab es nicht. Und bis heute sind die Chancen keineswegs gleich und gerecht verteilt. Wer viel in die Bildung seiner Kinder investiert, \u00fcber das staatliche Angebot hinaus, erh\u00f6ht ihre Chancen auf <strong>sozialen Aufstieg<\/strong>. Das beginnt lange vor der Einschulung. Und fair ist das nicht. Aber mit Blick auf die Frage meiner Studentin muss ich feststellen: <strong>Gl\u00fccklich<\/strong> macht es auch nicht. Weder diejenigen, die den Aufstieg nicht schaffen, noch die, die ihn schaffen.<\/p>\n<p>Durch die M\u00f6glichkeit zum sozialen Aufstieg ist auch ein Druck entstanden, dem die Eltern mit fr\u00fchkindlicher Fremdsprachenf\u00f6rderung ab 2 Jahren und mehr Nachmittagsaktivit\u00e4ten, als gesund sein kann, begegnen. Und die Kinder? Burnout mit Anfang 20 scheint schon schlimm genug. Aber es ist (schon wieder) noch schlimmer. Wir erziehen uns eine Gesellschaft von <strong>Narzissten und Narzisstinnen<\/strong>.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem einj\u00e4hrigen Trump-Jubil\u00e4um war ich vor einer ganzen Weile kurz bei einer Talkshow h\u00e4ngen geblieben (leider habe ich den Titel vergessen). Als ich aber \u00fcber das Ungl\u00fcckmachen der Bildung nachdachte, fiel sie mir wieder ein. Dort sagte ein Erziehungswissenschaftler (oder war es ein Entwicklungspsychologe?), dass Trump eigentlich nur ein typisches Beispiel f\u00fcr den Menschen unserer heutigen (ich w\u00fcrde erg\u00e4nzen: westlichen) Gesellschaft sei. Denn durch den enormen Leistungsdruck w\u00fcrde den Kindern vermittelt, dass sie nicht <strong>um ihrer selbst willen<\/strong> wertgesch\u00e4tzt werden, sondern f\u00fcr eben diese Leistungen. Auf das Gef\u00fchl, nicht wertgesch\u00e4tzt zu werden, reagieren Menschen mitunter mit einem \u00fcberh\u00f6hten Ich-Anspruch. Wenn dieses Gef\u00fchl aber bereits in der fr\u00fchen Kindheit so omnipr\u00e4sent sei, dann f\u00fchre das fast zwangsl\u00e4ufig zu einer pathologischen Form des Narzissmus.<\/p>\n<p>Das Ideal dagegen sei es, wenn ein Kind das Gef\u00fchl habe, um seiner selbst willen geliebt zu werden, und nicht weil es so toll Klavier spielt oder schon mit f\u00fcnf Jahren sein Eis auf Englisch bestellen kann. <strong>Ein Kind, das das Gef\u00fchl hat, um seiner selbst willen geliebt zu werden.<\/strong> Das m\u00fcssten gl\u00fcckliche Kinder sein. Und sie m\u00fcssten gute Chancen haben, halbwegs gl\u00fcckliche Erwachsene zu werden.<\/p>\n<p>Hat Humboldts Idee zu einer noch ungerechteren, narzisstischen Gesellschaft gef\u00fchrt? Als Humboldtianerin denke ich, dass die liberale Idee der M\u00f6glichkeit zum sozialen Aufstieg nicht verkehrt ist. Im so geschimpften Neoliberalismus \u00a0dagegen ist aus dem <strong>K\u00f6nnen<\/strong> ein <strong>M\u00fcssen<\/strong> geworden. Humboldt dachte an eine Gesellschaft, in der (m\u00f6glichst) jedem und jeder ein Beruf nach den eigenen <strong>Interessen<\/strong> und <strong>F\u00e4higkeiten<\/strong> offen steht. Das ist nicht identisch mit einer Gesellschaft, in der es keine M\u00fcllm\u00e4nner und -frauen mehr gibt, sondern nur Jurist\/-innen, Professor\/-innen und \u00c4rzt\/-innen. Letzteres scheint allerdings die Vorstellung vieler heutiger Eltern zu sein. Und das mit den besten Absichten: \u201eWir wollen doch nur dein Bestes, Kind!\u201c Dabei vergessen sie, was f\u00fcr Humboldt das Wichtigste war: <strong>Individualit\u00e4t<\/strong>.<\/p>\n<p>Macht Bildung gl\u00fccklich? Ja und nein.<\/p>\n<p>Sie kann sehr ungl\u00fccklich machen, wenn der Druck ein <strong>gebildeter Mensch<\/strong> zu werden bereits bei 19-J\u00e4hrigen Tinnitus ausl\u00f6st. Sie kann aber dann gl\u00fccklich machen, wenn ein Mensch tats\u00e4chlich das Gef\u00fchl oder auch die M\u00f6glichkeit hat, <strong>sich selbst <\/strong>zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist die Menschheit in meiner Person einfach etwas zu viel verlangt. Ich selbst zu sein ist ja schon anstrengend genug. Aber manchmal auch sehr begl\u00fcckend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine meiner Studentinnen hat sich k\u00fcrzlich als Titel ihrer Bachelor-Arbeit die Frage ausgedacht: Macht Bildung gl\u00fccklich? Ein sch\u00f6ner Titel. Und ein sch\u00f6nes Thema (es wird um Platon gehen). Aber pl\u00f6tzlich begann in mir selbst die Frage zu rumoren. Macht Bildung gl\u00fccklich? 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