{"id":35,"date":"2014-08-17T22:30:04","date_gmt":"2014-08-17T20:30:04","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=35"},"modified":"2022-11-01T14:57:53","modified_gmt":"2022-11-01T12:57:53","slug":"beef","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=35","title":{"rendered":"BEEF!"},"content":{"rendered":"<p><strong>BEEF!<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>M\u00e4nner kochen anders.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nein, ernsthaft: So lautet der Slogan eines neuen \u2013 sollen wir es so nennen? \u2013 Herrenmagazins. Das Foto entstand auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Passend dazu l\u00e4uft auf RTL Nitro (\u201eFernsehen f\u00fcr M\u00e4nner!\u201c) die Pilotfolge zur gleichnamigen Sendung: \u201eBeef! \u2013 F\u00fcr M\u00e4nner mit Geschmack\u201c.<\/p>\n<p>Das Motto ist klar: \u201eFleisch ist aller Freuden Anfang.\u201c<\/p>\n<p>Infotainment trifft auf Lifestyle-Magazin und den junggeblieben-dynamischen Moderator Steffen Wink, mit graumeliertem Haar (seine Frontlocke k\u00f6nnte locker mit Elvis mithalten), engem schwarzem Hemd und ebensolchen Blue Jeans mit Aufschlag. Es riecht nach Rockabilly, die Titelmelodie ist vom US-amerikanischen Bluesrock-Duo <em>The Black Keys<\/em> (Baujahr um 1980).<\/p>\n<p><!--more-->Bereits nach wenigen Minuten wei\u00df ich, dass einige Hausschweinerassen ausgestorben sind, weil sie einfach keiner mehr essen wollte und dass die Bunten Bentheimer, die es geschafft haben weiterhin von uns gegessen zu werden, selbst gerne Eicheln fressen. Der Schweinez\u00fcchter erz\u00e4hlt, dass er nicht beim Schlachten dabei sein m\u00f6chte, ihm eine tierfreundliche Schlachtung aber sehr wichtig ist. Sympathisch. Dann geht es um Bier \u2013 aus dem Spreewald. Dort in dieser Gastwirtschaft habe ich auch schon mal gesessen und Spreew\u00e4lder Gurkenbrause getrunken. Die gibt es auch als Gurkenradler. Ich frage mich, ob ich nun besonders m\u00e4nnlich bin, weil mich die Sendung anspricht, obwohl ich lieber Gurkenradler oder Kirschbier als Pils trinke. Nat\u00fcrlich bevorzugt Steffen Wink \u201edas herbere\u201c. Es folgen Blicke in halbe Schweine, Knochens\u00e4gen bei der Erkl\u00e4rung, wie Mann ein solches zerlegt, ein Besuch beim K\u00f6hler, bei dem der Moderator sich nicht zu schade ist, beim Aufbau des Meilers mitanzupacken und sich gleich miteinr\u00e4uchern zu lassen.<\/p>\n<p>Es geht also nicht nur um Bier und Fleisch, sondern auch um Traditionen, (fast) ausgestorbene Schweine und Berufe und die jeweiligen \u201eMeister ihres Fachs\u201c. Der Moderator hat schlie\u00dflich alle Ingredienzien f\u00fcr einen Grillabend, vom Fleisch \u00fcber das Bier bis hin zur selbst \u201egek\u00f6hlerten\u201c Kohle, bei seinem Streifzug durch Deutschland eingesammelt \u2013 diese Aufmachung erinnert ein wenig an L\u00f6wenzahns Peter Lustig \u2013 und nach rund 30 Minuten sind f\u00fcr wenige Sekunden die einzigen Frauen der ganzen Sendung zu sehen. Als Essensg\u00e4ste beim Grillabend wirken sie zwar eher wie Requisiten, aber immerhin \u2013 mitessen d\u00fcrfen sie. Ich komme ins Gr\u00fcbeln \u00fcber <strong>Rollenbilder<\/strong> und frage mich, ob es auch K\u00f6hlerinnen gibt und warum das Grillen noch immer als <em>die<\/em> M\u00e4nnerdom\u00e4ne gilt. In der Generation meiner Eltern kenne ich tats\u00e4chlich keine einzige Familie, in der eine Frau am Grill stehen w\u00fcrde. Ein Bruch mit dieser Tradition k\u00e4me einem Sakrileg gleich. Aber auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis erscheint es selbstverst\u00e4ndlich, dass die Herren der Sch\u00f6pfung die Zange in der Hand halten, w\u00e4hrend die Herrinnen der Sch\u00f6pfung sich bedienen lassen. So erst k\u00fcrzlich auf einem allj\u00e4hrlichen Treffen auf einem Bauernhof in Sachsen-Anhalt, der obendrein ein streng gef\u00fchrtes Matriarchat in drei Generationen ist. Ich erinnere mich aber auch an eine junge Frau, die, als ich vor kurzem durch den Monbijoupark in Berlin Mitte lief, vor einem tragbaren, qualmenden Kugelgrill stand und die vorbereiteten Speisen auspackte. Ich frage mich, ob sie diese dann auch gegrillt hat oder ob diese Aufgabe einer der jungen M\u00e4nner \u00fcbernommen hat, die in der N\u00e4he sa\u00dfen, ihr zusahen und Bier tranken. Noch mehr besch\u00e4ftigt mich aber die Frage, ob diese Erinnerungen eine brauchbare Statistik abgeben oder nicht vielmehr die verbreitete Skepsis \u00fcber die Zuverl\u00e4ssigkeit von Statistiken im Allgemeinen bekr\u00e4ftigen: traue keiner Erinnerungsstatistik, die dein eigenes Unbewusstes nicht selbst gef\u00e4lscht hat. Grillen, Fleisch, Bier, Holzkohle, das ist alles etwas rauchig, derb \u2013 <strong>m\u00e4nnlich<\/strong>. Aber ist das wirklich alles? Das gleiche trifft auf das R\u00e4uchern und Zubereiten von Bratheringen zu und da f\u00e4llt mir nun wieder nur eine Person aus meiner Verwandtschaft ein, die das tut \u2013 und die ist weiblich. Und die Essenszubereitung ist ohnehin keine Frauensache (mehr). W\u00e4hrend wiederum in der Generation meiner Gro\u00dfeltern es geradezu absurd war, sich einen <strong><em>kochenden Ehemann<\/em><\/strong> vorzustellen, hat sich dies bis zu den ebenfalls junggeblieben-dynamischen Prenzlauer-Berg-Papas mit Baby vorm Bauch hin deutlich ge\u00e4ndert. Ich \u00fcberlege, ob mir aber auch nur eine einzige <strong><em>Fernsehk\u00f6chin<\/em> <\/strong>neben all den bekannten m\u00e4nnlichen Kollegen, M\u00e4lzers, Rachs und Olivers, Kochprofis und K\u00fcchenchefs, bis hin zu Clemens Wilmenrod (Erfinder des <em>Toast Hawaii<\/em>!), einf\u00e4llt. Rachel Khoo f\u00e4llt mir ein. Sie kocht in ihrem Miniappartement in Paris zauberhafte Men\u00fcs f\u00fcr zwei Personen, die dann auch in ihrem Wohnzimmer Platz nehmen. Ich schlage in der Wikipedia nach, Kategorie: \u201eFernsehkoch\u201c. Es gibt tats\u00e4chlich einige, aber Rachel ist die einzige, die ich kenne, und am Ende steht es 74 zu 18 f\u00fcr die m\u00e4nnlichen Kollegen (im deutschsprachigen Fernsehen). Und ist es nicht ungerecht, dass M\u00e4nner l\u00e4ngst auch Kochen d\u00fcrfen, Frauen aber nicht grillen? Oder wollen wir gar nicht?<\/p>\n<p>Vielleicht hat es etwas mit dem <strong>Rampenlicht<\/strong> zu tun, in dem jeder Grillmeister (und jeder Fernsehkoch) unweigerlich steht?<\/p>\n<p>Das ist auch sehr \u201em\u00e4nnlich\u201c: W\u00e4hrend alle anderen bereits Platz genommen haben, h\u00e4lt einer die Stellung an der Front. <strong>Rampens\u00e4ue<\/strong> gibt es aber auch unter meinen Geschlechtsgenossinnen und ich bin nicht sicher, ob ich mich selbst da ausnehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Vielleicht hat es etwas mit dem <strong>Element<\/strong> zu tun?<\/p>\n<p>Auf demselben sommerlichen Zusammentreffen auf dem Bauernhof wurde zu sp\u00e4ter Stunde ein Feuer in einer Kreuzung aus metallenem Feuerkorb und Aztekenofen entz\u00fcndet. Eine junge Frau \u00fcbernahm spontan die Aufgabe, das Feuer in Gang zu halten und regelm\u00e4\u00dfig Holz nachzulegen. Die \u201eFeuerfrau\u201c zog unweigerlich die Faszination der um das Feuer versammelten Herren auf sich. Bei jedem Nachlegen wurde dem respektvollen Wohlwollen Ausdruck verliehen. Nach einer Weile fragte sie leicht genervt, was das solle. Einer antwortete, dass sie das gut mache: Du hast das <strong>archaisch-m\u00e4nnliche Element Feuer<\/strong> f\u00fcr dich erobert, wir sind beeindruckt. Seinen sonstigen Vorlieben nach zu urteilen dachte er an keltische Feuerg\u00f6tter, vielleicht auch Thor, der nicht nur Donner, sondern auch Blitze sein Eigen nennt. Ich gebe zu, dass sowohl im Christentum als auch im Hinduismus das Feuer die Verk\u00f6rperung eines m\u00e4nnlichen Gottes ist und es zahlreiche Beispiele f\u00fcr mythische Verbindungen gibt wie die antiken Feuer- und Schmiedeg\u00f6tter, Hephaistos, Prometheus und andere. Aber was ist mit Vesta, der r\u00f6mischen H\u00fcterin des Herdfeuers? \u00c4hnliche Feuerg\u00f6ttinnen gibt es auch in anderen Religionen. Zugegeben, im Vergleich zum Donnergott Thor oder dem Schmiedegott Hephaistos h\u00fcten sie ein eher <strong>gez\u00e4hmtes Feuer<\/strong>. Aber mal ehrlich: der Feuerkorb-Aztekenofen und der Grill \u00e4hneln doch beide eher diesem Feuer der Vesta als den Blitzen Thors.<\/p>\n<p>Das Feuer als m\u00e4nnlich-archaisches Element scheint mir auch nicht der Schl\u00fcssel zu sein. Ist es vielleicht tats\u00e4chlich das, was uns das eingangs genannte Magazin nahelegt? Fleisch? Auf der Webseite des Magazins finde ich als Gadget ein kostenloses Onlinespiel: Schlachteplatte \u2013 das Wurstspiel (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht!). Ich probiere es gleich aus und stelle fest, dass es wie auch tausend andere (kostenlose) Spiele f\u00fcr PC oder Smartphone eine Mischung der klassischen Pixel-Puzzle-Stapel-Schie\u00df-Spiele <em>Space Invaders<\/em>, <em>Break out<\/em> und <em>Tetris<\/em> ist. Ich erinnere mich, dass Paris Hilton einst ganz stolz \u201eihr\u201c Spiel <em>Diamond Quest<\/em> pr\u00e4sentierte und ich im Folgenden permanent in on- und offline-Medien mit deren Klonen genervt wurde. Pers\u00f6nlich war ich bisher einzig mit <em>Tetris<\/em> vertraut, finde aber schnell Gefallen daran, gleichartige Wurstscheiben aufeinander zu schie\u00dfen. Wenn drei oder mehr aneinander liegen, l\u00f6sen sie sich auf und ich erhalte Punkte. Wenn nicht, r\u00fcckt die Schlachteplatte bedrohlich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck n\u00e4her. Ich zeige meine neueste Entdeckung gleich meinem fleischessenden Freund, der begeistert ruft: Mit Mortadella schie\u00dfen! Meinen Rechner bekomme ich so schnell erst mal nicht wieder. Ich schicke den Link anschlie\u00dfend auch noch an meinen veganen besten Freund \u2013 der wahrscheinlich bei Erhalt ebenso begeistert ruft: Mit Mortadella schie\u00dfen! \u2013 und frage mich, ob die Gleichung <em>Fleisch = Mann<\/em> wirklich so funktioniert. Mein zweiter bester Freund ist Vegetarier, tr\u00e4gt aber Leder. Ich trage lieber Kunstleder, bin aber \u201anur\u2018 Ovo-Lacto-Pesco-Vegetarierin. Obwohl ich es eigentlich bevorzuge, mich nicht so zu nennen, weil ich vor vielen Jahren auf <strong>Identit\u00e4tssuche<\/strong> schlicht und ergreifend aufgeh\u00f6rt zu haben, Fleisch zu essen und nun habe ich mich einfach daran gew\u00f6hnt. Eine Bekannte, selbst Fleischesserin, hat seit einigen Jahren einen Freund, f\u00fcr den sie ihre K\u00fcche zweigeteilt hat. Sein Vegetarismus wird mit einer vergleichbaren Ernsthaftigkeit und einem <strong>(quasi\u2011)\u00a0religi\u00f6sen Enthusiasmus<\/strong> zelebriert wie die <strong>Nahrungstabus<\/strong> im orthodoxen Judentum. Absurder Weise trifft ersteres in unserer Gesellschaft oft auf gr\u00f6\u00dfere Anerkennung, letzteres h\u00f6chstens auf unverst\u00e4ndige Ehrfurcht Au\u00dfenstehender. In diesen Fragen scheinen Religionsangeh\u00f6rige mitunter sogar toleranter als jene quasireligi\u00f6sen Lifestyle-Angeh\u00f6rigen. Warum nicht ein gegenseitiges: Essen und essen lassen? Meine Freundinnen sind im Gegensatz zu meinen m\u00e4nnlichen Freunden eigentlich leidenschaftliche Fleischesserinnen. Eine probiert allerdings seit kurzem den veganen Lebensstil aus. Und ich denke, <em>das<\/em> ist es: ein Lebensstil, individuell und geschlechtsunabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Mit Lebensstil sind wir wieder beim neuen M\u00e4nner-Lifestyle-Magazin, das mir so sympathisch ist, weil es sich als erfrischend anders von \u00e4hnlichen Formaten, sowohl von (eher \u201aweiblich\u2018 orientierten) Lifestyle-Magazinen als auch von Reportagen rund ums Essen \u00e0 la Galileo, abhebt. Vielleicht f\u00fchle ich mich deshalb von der Sendung angesprochen, auch wenn ich das Hauptprodukt nicht konsumieren werde und vom Untertitel explizit nicht angesprochen bin. H\u00e4tte es der Sendung geschadet, wenn eine Metzgermeister<em>in<\/em> interviewt worden w\u00e4re? Ich bin zumindest nicht die einzige, die sich in dieser mit Ausnahme der \u201aRequisiten\u2018 frauenfreien Zone wohlf\u00fchlt, so legt der Kommentar einer gewissen Swani Cichowlas auf RTL Nitro vom 15. August, 04:46, nahe: \u201eauch f\u00fcr frauen.\u201c Und siehe da, es handelt sich um die Regisseurin der Sendung. Im \u00dcbrigen hat sich auch mit Birte Lindlahr, stellvertretende Chefredakteurin von BEEF!, eine Frau \u201aeingeschlichen\u2018.<\/p>\n<p>Und was hat es denn nun mit dem Grillen, dem Beef! und all dem auf sich? Vielleicht ist die Frage, was das M\u00e4nnliche am Grillen ist (Feuer, Fleisch oder sonst etwas) auch verkehrt herum gedacht. Geht es hier wirklich um Fleisch? Nein! Vielmehr darum, wie <a href=\"http:\/\/www.quotenmeter.de\/n\/72383\/beef-rtl-nitro-zelebriert-die-maennlichkeit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">quotenmeter.de<\/a> schreibt, die <strong>M\u00e4nnlichkeit zu zelebrieren<\/strong>. Und das geht nicht mit marinierten Zucchini auf dem Grill und veganen T\u00f6rtchen zum Nachtisch. Dass dabei auch Frauen ihre H\u00e4nde im Spiel hatten, tut dem Ganzen keinen Abbruch, ganz im Sinne des ebenfalls von quotenmeter zitierten: \u201cIt\u2019s a man\u2019s world!\u201d Ich m\u00f6chte erg\u00e4nzen: \u201cBut it would be nothing without a woman or a girl.\u201d Vielleicht ist die Frage nicht, was am Grillen m\u00e4nnlich ist, sondern: <strong>wenn nicht Grillen, was denn dann?<\/strong><\/p>\n<p>Ich jedenfalls habe Hunger bekommen und w\u00fcnsche allen, denen es ebenso geht: Guten Appetit bei was auch immer!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BEEF! M\u00e4nner kochen anders. 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