{"id":49,"date":"2015-01-12T22:31:26","date_gmt":"2015-01-12T20:31:26","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=49"},"modified":"2022-11-01T14:57:41","modified_gmt":"2022-11-01T12:57:41","slug":"vielfalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=49","title":{"rendered":"Vielfalt"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Was<\/em> ist Vielfalt?<\/strong> Ganz einfach: Das Gegenteil von Einfalt. Oder von Eint\u00f6nigkeit. Also: bunt. Viele statt eines. Von was auch immer.<\/p>\n<p><strong><em>Wie<\/em><\/strong><strong> ist Vielfalt? <\/strong>Gut. Sch\u00f6n. Sch\u00fctzenswert. Das scheint in einer (verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig) liberalen Gesellschaft wie unserer (fast) selbstverst\u00e4ndlich. Aber warum eigentlich?<\/p>\n<p><!--more-->Als ich einmal gefragt wurde, <em>warum<\/em> ich mich f\u00fcr Vielfalt im akademischen Bereich (\u00fcber die Frauenf\u00f6rderung hinaus) einsetze, musste ich tats\u00e4chlich nachdenken. Aus pers\u00f6nlicher \u00dcberzeugung. Aus einem Gerechtigkeitsgef\u00fchl heraus. Oder aus Sympathie? Auch die biologische Vielfalt wird als unhinterfragt positiv dargestellt. Niemand fragt: \u201eSollen wir die Artenvielfalt erhalten?\u201c Auf diese nicht gestellte Frage antworten auch die charmanten Plakate im Leipziger Zoo nur indirekt: <strong>Biodiversit\u00e4t<\/strong> \u2013 das sind wir! Deshalb.<\/p>\n<p>Die Kampagne im Rahmen der <a href=\"https:\/\/www.un-dekade-biologische-vielfalt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">UN Dekade der biologischen Vielfalt<\/a> verk\u00fcndet: \u201eDie unvorstellbare Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten, der \u00d6kosysteme und Gene \u2013 sie machen unsere Erde so wertvoll und einzigartig.\u201c Das ist allerdings keine <em>Begr\u00fcndung <\/em>oder Antwort auf das Warum, sondern eine <em>Behauptung<\/em>. Kampagnen im Allgemeinen arbeiten nicht mit logischen Argumentationen, sondern mit Witz, \u00c4sthetik und Emotionen. Das Plakat zielt genau darauf: ein Identit\u00e4ts<em>gef\u00fchl<\/em>. Ganz \u00e4hnlich ein Werbespot f\u00fcr den Schutz von Bonobos: Sie seien intelligent und friedlich &#8211; wie wir. Und wenn sie nicht friedlich w\u00e4ren oder so intelligent wie ein Regenwurm? Ich mag Regenw\u00fcrmer. Im \u00dcbrigen sehen wir neben den Bonobos gar nicht so gut aus. Was vielleicht daran liegt, dass sie einen sehr effektiven, um nicht zu sagen: intelligenten Weg gefunden haben, Aggressionen abzubauen&#8230; Unabh\u00e4ngig davon w\u00fcrde ich sofort zustimmen, dass <em>alle<\/em> Tiere sch\u00fctzenswert sind. Aber warum eigentlich? Die Frage l\u00e4sst mich nicht mehr los. Oder ist die Frage nach dem <em>Warum<\/em> hier fehl am Platz? In einem Workshop zu Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularisierung stand die Frage im Raum, was uns <strong>heilig<\/strong> ist. Die Antworten der Teilnehmenden reichten von \u201eFortschritt\u201c \u00fcber \u201eGott\u201c bis zu \u201emeine Freiheit\u201c. Mir fiel nichts ein. Da war ein Gef\u00fchl, dass es etwas gibt, aber ich kam einfach nicht darauf. Erst einige Tage sp\u00e4ter rief ich pl\u00f6tzlich beim Fr\u00fchst\u00fcck: Das Leben! Meine Katze kniff zustimmend die Auen zusammen. Eine <em>quasireligi\u00f6se Haltung<\/em> scheint mir f\u00fcr mich pers\u00f6nlich zwar in Ordnung, aber nicht als allgemeine Handlungsanweisung. Die Gef\u00fchle, auf die sich mein pers\u00f6nliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr Vielfalt gr\u00fcndet, treffen auf das Gef\u00fchl, dass da doch mehr sein muss als dieser subjektive, willk\u00fcrliche Grund.<\/p>\n<p>Oder ist Vielfalt eines jener <strong><em>Zauberworte <\/em><\/strong>des postmodernen Wissenschaftsdiskurses geworden, die sich niemand traut zu hinterfragen? Als h\u00e4tten sie magische Kr\u00e4fte. Finanziell haben sie die mitunter. In der Wissenschaft tauchen sie deshalb immer wieder in jenen Disziplinen auf, die unter \u201aRechtfertigungsdruck\u2018 stehen: Performanz, Interdisziplinarit\u00e4t, aber auch Postmoderne selbst und &#8211; Diversit\u00e4t. Sogar ganze Texte k\u00f6nnen aus nicht viel mehr als sch\u00f6ner H\u00fclle bestehen, wie der <a href=\"http:\/\/www.elsewhere.org\/pomo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Postmodernism Generator<\/em><\/a> \u00e4u\u00dferst am\u00fcsant veranschaulicht. Die eingangs gegebene Definition von <strong>Vielfalt als Gegenteil von Einfalt<\/strong> ist zwar logisch ebenso einwandfrei wie \u201e1 ist nicht 0\u201c, ebenso grammatisch sinnvoll wie die generierten Texte, aber bei n\u00e4herer Betrachtung ebenso <strong><em>einf\u00e4ltig<\/em><\/strong>.<\/p>\n<p>Zauberw\u00f6rtern entgeht man am besten, indem man sich aus dem (postmodernen) Diskurs hinaus und zur\u00fcck in die Wirklichkeit begibt, mit anschaulichen Beispielen. Neben der <strong>biologischen Vielfalt<\/strong>, zu der wir Menschen tats\u00e4chlich als <em>ein Teil<\/em> z\u00e4hlen, gibt es auch spezifisch <strong><em>menschliche <\/em>Vielfalten<\/strong>. Sie werden auf dem Berliner <strong>Karneval der Kulturen<\/strong> oder dem <strong>Christopher-Street-Day<\/strong> gefeiert. Auch diese Vielfalten erhalten ein \u201alike\u2018 von mir. Als ethisches Leitmotiv greift sogar Immanuel Kants Kategorischer Imperativ, die vielleicht allgemeing\u00fcltigste Handlungsanweisung \u00fcberhaupt: \u201ehandle nach einer <strong>Maxime<\/strong> (das ist ein subjektiver Beweggrund), welche zugleich als ein <strong>allgemeines Gesetz<\/strong> gelten kann!\u201c Ich t\u00f6te niemanden, alle t\u00f6ten niemanden &#8211; auch ich werde nicht get\u00f6tet. Klingt gut! Und einfach. So einfach ist das mit dem Kategorischen Imperativ aber doch nicht. Ich will nicht gefressen werden, also fresse ich niemanden. So weit, so gut. Allerdings ist es schwierig, <em>nichts<\/em> und <em>niemanden<\/em> zu fressen. Ja, liebe Vegan-Company mit dem Slogan \u201eWir lieben Leben\u201c &#8211; wie mein Freund jedes Mal zu sagen pflegt, wenn wir bei euch vorbei gehen: Pflanzen leben auch! Nein, einfach ist es nicht mit der Moral, den \u00dcberzeugungen und all dem&#8230; Ein <strong>Kompromiss<\/strong> k\u00f6nnte helfen. \u00dcber Geschmack l\u00e4sst sich (nicht) streiten und solange mich niemand zwingt, Fleisch zu essen und ich niemanden zwinge, keines zu essen, erscheint mir das als gute L\u00f6sung. Leben und leben lassen.<\/p>\n<p>Leider funktioniert auch das nicht immer. Die bunte, lecker-w\u00fcrzige, wohlduftende <strong>Vielfalt<\/strong>, die auf den Stra\u00dfen Berlins gefeiert wird, wird dann zum <strong>Problem<\/strong>, wenn sich Kompromisse nicht ohne weiteres finden lassen, wenn die <strong>Anspr\u00fcche<\/strong>, die sich aus den <strong>Unterschieden<\/strong> ergeben, einander vielleicht sogar ausschlie\u00dfen. Ein Sch\u00fcler einer achten Klasse, die ich im Berliner Stadtteil Wedding unterrichtete, antwortete auf die Frage, wer Klaus Wowereit sei, nicht \u201eunser B\u00fcrgermeister\u201c, sondern mit einem Schimpfwort. Immerhin antwortete er und an seiner (beleidigenden) Antwort wurde deutlich, dass er durchaus auch die gew\u00fcnschte h\u00e4tte geben k\u00f6nnen. Dieser Sch\u00fcler war weder besonders aggressiv, noch besonders intolerant, er z\u00e4hlte sogar zu den sensibelsten und intelligentesten. Neben \u201ebehindert\u201c oder \u201eschwul\u201c (was ich aus meiner eigenen Schulzeit kannte) wurde auch \u201eJude\u201c als Schimpfwort unter den arabischst\u00e4mmigen Jugendlichen gebraucht. Der handfeste Konflikt im Nahen Osten war ihnen allerdings kein Begriff. Die Vielfalt der <strong>Erfahrungshorizonte<\/strong>, der kulturellen und religi\u00f6sen Hintergr\u00fcnde in Kombination mit Nichtkommunikation machten den Ethikunterricht, die Anleitung zum <em>Reflektieren<\/em> \u00fcber das eigene Tun und Werten, zu einer wahren Herausforderung. Einige M\u00e4dchen der siebten Jahrgangsstufe entgegneten mir im kleinen Kreis emp\u00f6rt bis aufgel\u00f6st, sie seien \u201edoch nicht pervers\u201c, schlie\u00dflich w\u00fcrden sie als gute Muslima \u201enicht vor der Ehe ficken\u201c. W\u00f6rtlich. Der Grund war, dass ich eines der M\u00e4dchen im Ethikunterricht zurechtgewiesen hatte, nicht immer sexuell aufgeladene Schimpfw\u00f6rter zu benutzen. Zumindest nicht in meinem Ethikunterricht. Sie hatte einem Jungen mit der \u00e4u\u00dferst beliebten Formulierung gedroht: \u201eIch fick dein Gehirn!\u201c Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. Die M\u00e4dchen hatten nat\u00fcrlich Angst, dass ich ihren Eltern davon erz\u00e4hle. Das habe ich nicht. Auch wenn sie es nicht glauben wollten, ich mochte sie ja. Und Pubert\u00e4t ist was Furchtbares. Das ist manchmal Bestrafung genug. Beschimpfungen sind f\u00fcr Heranwachsende <em>austauschbar<\/em>, sie verbinden damit oft nichts. Dies z\u00e4hlt zum Alltag in jeder Schule und im Umgang mit Teenagern. Auch die Verbindung von Gewalt und Sexualit\u00e4t: Man pr\u00fcgelt sich erst mal ein bis zwei Klassenstufen mit dem anderen Geschlecht, bevor man dann zum K\u00fcssen \u00fcbergeht. Schwierig wird es, wenn sich diese <strong>typischen Pubert\u00e4tsprobleme<\/strong> aufgrund der Vielfalt von Ansichten <em>multiplizieren<\/em> und die Kommunikation dar\u00fcber erschweren. Aber dar\u00fcber reden wir ja nicht. Und mit wir meine ich jetzt: wir in der P\u00e4dagogik und wir in der Politik.<\/p>\n<p>Wir reden auch nicht \u00fcber eine weitere Dimension von <strong>Gewalt<\/strong>, die mich an die Erz\u00e4hlungen des Autors <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frank_McCourt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Frank McCourt<\/a> aus dessen Lehrerzeit erinnerte. Er beschreibt darin, wie ein italienischer Vater mit angsteinfl\u00f6\u00dfender Statur ins Klassenzimmer kommt, seinen Sohn packt und wiederholt <em>gegen die Wand schl\u00e4gt<\/em>, nachdem McCourt sich bei der Familie \u00fcber das Benehmen des Jungen beschwert hatte. Die Situation spielt sich im New York der 1950er Jahre ab, in einer Klasse mit gr\u00f6\u00dftenteils italienischem oder irischem Migrationshintergrund. Als McCourt mit seinen Kollegen \u00fcber einen anderen eigenbr\u00f6tlerischen Jungen irischer Abstammung mit einem ungew\u00f6hnlichen, k\u00fcnstlerischen Talent spricht, antworten diese: \u201eManche von den Kindern fallen durchs Raster, aber mein Gott, was kann man als Lehrer schon gro\u00df tun?\u201c Ich selbst hatte einen Sch\u00fcler, der die Aspekte beider Jungen aus McCourts Erz\u00e4hlung in sich vereinte: poetisches <strong>Talent<\/strong> und <strong>gewaltt\u00e4tiges Potenzial<\/strong> &#8211; wahrscheinlich aufgrund gewaltt\u00e4tiger Erziehung. Die Bemerkung seines Klassenlehrers war in beiden F\u00e4llen dieselbe: Er ist eben Araber. Nachdem ich mit dem ebenso h\u00f6flich wie kr\u00e4ftig gebauten Vater in Vertretung des Klassenlehrers ein Gespr\u00e4ch gef\u00fchrt hatte, erschien der Junge einige Tage nicht in der Schule. Danach war er anders. Dass einige der Kinder mit relativer Sicherheit gewaltt\u00e4tig sind, weil sie selbst zu Hause geschlagen werden, darauf war ich in meiner p\u00e4dagogischen Ausbildung genauso wenig vorbereitet worden, wie McCourt.<\/p>\n<p>Wie nochmal kam ich jetzt von Bonobos und Frauenf\u00f6rderung zu den Berliner \u201eProblemb\u00e4rchen\u201c, denen ich w\u00e4hrend meiner Unterrichtst\u00e4tigkeit begegnet bin? Ganz einfach: Auch das ist <strong>Vielfalt<\/strong>. Und es ist nicht einfach.<\/p>\n<p>Aber dar\u00fcber reden wir nicht. Die speziellen Pflichtkurse zum Unterricht in \u201aheterogenen Lerngruppen\u2018 hatten vielmehr <strong>Vielfalt<\/strong> und <strong>Heterogenit\u00e4t<\/strong> als etwas Positives <em>postuliert<\/em>, ohne das Nachdenken dar\u00fcber zu erm\u00f6glichen oder auf <strong>Konflikte<\/strong> vorzubereiten. In Simulationen wurden Studierende zu k\u00f6rperlich oder geistig behinderten und lernschwachen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern. Leider entsprechen die Simulationen so viel weniger der Realit\u00e4t als McCourts Erz\u00e4hlungen. In einem Kurs zu Unterricht in Klassen mit Migrationshintergrund sa\u00df ein Student mit den F\u00fc\u00dfen auf dem Tisch, eine Tageszeitung vor sich aufgeschlagen. Der Ger\u00e4uschpegel war so hoch, dass ich den Dozenten nicht verstand. Ich nehme an, dass ich nichts verpasst habe. Wie ich mit dem netten jungen Mann in der Deutschklasse umgehen sollte, der <em>kein Deutsch sprach<\/em> oder verstand, h\u00e4tte mir der Dozent wahrscheinlich auch nicht sagen k\u00f6nnen. Der Sch\u00fcler nickte immer nur freundlich. Daf\u00fcr gab ich ihm 8 Punkte. Seine Klassenkameraden h\u00e4tten ihm nat\u00fcrlich \u00fcbersetzen k\u00f6nnen &#8211; wenn sie mir selbst zugeh\u00f6rt h\u00e4tten. Habe ich schon erw\u00e4hnt, dass es <em>eine der besseren<\/em> Weddinger Schulen war?<\/p>\n<p>Aber dar\u00fcber reden wir nicht. Zumindest nicht miteinander.<\/p>\n<p>Konflikte verdeutlichen, dass <em>kein Wert selbstverst\u00e4ndlich<\/em> ist. Auch kein &#8218;abendl\u00e4ndischer&#8216;. Das sogenannte &#8218;<strong>Abendland<\/strong>&#8218; hat schlie\u00dflich alles andere als eine <strong>wei\u00dfe Weste<\/strong>, schaut man sich die vergangenen Jahrhunderte an. Nein, wir sind keine Bonobos&#8230; Vielleicht sollten wir aufh\u00f6ren, Vielfalt <em>nicht<\/em> zu hinterfragen. Sind es doch Konflikte zwischen vielf\u00e4ltigen Positionen, die ein <em>kritisches<\/em> Nachdenken \u00fcber Vielfalt erm\u00f6glichen &#8211; und \u00fcber uns selbst. Und ich glaube, nur darauf aufbauend kann Vielfalt <strong>wertgesch\u00e4tzt<\/strong> werden.<\/p>\n<p><strong>Vielfalt ist eben vor allem eines nicht: einfach.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist Vielfalt? Ganz einfach: Das Gegenteil von Einfalt. Oder von Eint\u00f6nigkeit. Also: bunt. Viele statt eines. Von was auch immer. 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