{"id":59,"date":"2015-02-04T22:57:04","date_gmt":"2015-02-04T20:57:04","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=59"},"modified":"2022-11-01T14:57:36","modified_gmt":"2022-11-01T12:57:36","slug":"traeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=59","title":{"rendered":"Tr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Als ich einem sogenannten Tagtraum nachh\u00e4nge, f\u00e4llt mir das Titelthema wieder ein, das der SPIEGEL k\u00fcrzlich hatte: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-131147838.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eNachts im Gehirn. Warum wir tr\u00e4umen\u201c<\/a>. Was mir einfiel war nicht der interessantere Teil \u00fcber das Klartr\u00e4umen (wenn wir wissen, dass wir tr\u00e4umen und die Handlung teilweise steuern k\u00f6nnen) und die M\u00f6glichkeiten, die das provozierte Klartr\u00e4umen in der Therapie von Trauma-Opfern bietet. Nein, es war das <em>scheinbar unwichtigere<\/em>, das, was nicht ganz neu war. Die Frage, ob <strong>Tr\u00e4ume <\/strong>etwas<strong> bedeuten<\/strong> oder nicht. Dort gebe es zwei Lager: Die einen suchen nach einem \u201everborgenen Sinn in Tr\u00e4umen, die anderen halten sie f\u00fcr das Nebenprodukt unwillk\u00fcrlicher Hirnsignale &#8211; ein wildes Funken der Neuronen, ohne jede Bedeutung\u201c, so der Artikel.<\/p>\n<p>Dass mir genau das einfiel, passt irgendwie auf kuriose Weise gleicherma\u00dfen zum Thema des Artikels und meiner Gedanken. Ich frage mich, ob wichtig und nicht wichtig so klar zu trennen sind und was genau es bedeuten soll, dass Tr\u00e4ume etwas bedeuten &#8211; oder auch nicht.<\/p>\n<p><!--more-->Es erinnert mich an eine Frage, die in den ersten Semestern des <strong>Philosophiestudiums<\/strong> gerne stundenlang in Seminarr\u00e4umen und anschlie\u00dfend noch mal stundenlang beim Bier in der Kneipe diskutiert wird:<\/p>\n<p><em>Ob ein im Wald umfallender Baum ein <strong>Ger\u00e4usch<\/strong> macht, wenn <strong>niemand es h\u00f6rt<\/strong>?<\/em><\/p>\n<p>Nach vielen Jahren intensiver Studien und noch intensiverer Runden am Stammtisch bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass das doch <em>v\u00f6llig egal<\/em> ist!<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich zum Beispiel mit der Tatsache, <em>dass<\/em> der Baum gefallen ist und mir nun den Weg <em>versperrt<\/em>. Oder wenn er f\u00e4llt und ich gerade daneben stehe und das Ger\u00e4usch, dass er <em>tats\u00e4chlich macht<\/em>, mir in den Ohren <em>wehtut<\/em>. Das Ger\u00e4usch, das der Baum <em>macht oder nicht<\/em> <em>macht<\/em>, wenn es mich nicht betrifft, \u2026 naja, betrifft mich eben nicht. Es ist <strong>bedeutungslos<\/strong> f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Keineswegs bedeutungslos dagegen ist aber die Tatsache, <em>dass<\/em> ich mir diese Frage \u00fcberhaupt <em>stellen kann<\/em>, dass sie mich und Generationen des philosophischen Nachwuchses so sehr besch\u00e4ftigt. Es scheint eine jener Fragen zu sein, von denen die <strong>Vernunft<\/strong>, wie Kant bemerkt, \u201ebel\u00e4stigt wird\u201c, die sie weder <strong>ignorieren<\/strong> noch <strong>beantworten<\/strong> kann. Deshalb eignet sie sich so gut f\u00fcr das Training eines klaren philosophischen Kopfes, aber auch f\u00fcr den nicht mehr ganz n\u00fcchternen Kopf nach einem Glas Bier oder Wein zu viel.<\/p>\n<p>Und was ist \u00fcberhaupt von Bedeutung? Oder besser: <strong>Was ist \u00fcberhaupt <em>Bedeutung<\/em>?<\/strong><\/p>\n<p>Sind es nicht weniger die \u201aewigen <strong>Wahrheiten<\/strong>\u2018, wie zum Beispiel 1+1=2, die ganz <em>unabh\u00e4ngig von mir<\/em> G\u00fcltigkeit besitzen? Welche Bedeutung kann denn etwas <em>f\u00fcr mich<\/em> haben, f\u00fcr das ich selbst ganz <strong><em>bedeutungslos<\/em><\/strong> bin?<\/p>\n<p>Mir erscheint auch die Feststellung der Traumforscherin Ursula Voss (die zu den Klartr\u00e4umen forscht) in dieser Hinsicht irgendwie verkehrt herum. Im Interview sagt sie, dass Tr\u00e4ume \u201euns nichts mitteilen\u201c wollen. Ihr Inhalt sei nicht wichtig, und deshalb sei \u201ees auch nicht n\u00f6tig, dass wir uns an sie erinnern.\u201c Nichts als ein <em>wildes Funken der Neuronen, ohne jede Bedeutung<\/em>?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte anmerken, dass zum einen die <strong>Wichtigkeit<\/strong> der Trauminhalte vielleicht weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Zumindest w\u00e4re ich vorsichtig, Neuronenfunken mit jenen Dingen gleichzusetzen, nach denen wir uns so sehr sehnen: eine Seele oder einen Gott. Und Tr\u00e4ume sind an beidem schon sehr nah dran. Zum anderen w\u00fcrde ich ihr zustimmen, dass es nicht n\u00f6tig ist, sich an Tr\u00e4ume zu erinnern, weil sie nicht per se wichtig sind. Aber: Wenn ich mich an einen Traum erinnere, ist (oder wird) er wichtig. Nicht die grauenvolle Frage aus dem Deutschunterricht: Was will uns (auch noch uns!) der <em>Autor<\/em> (in diesem Fall der Traum) damit sagen? Nein: Was bedeutet <em>mir<\/em> dieses Drama oder dieses Gedicht? Das ist hier die Frage! Ich stelle mal eine wilde These auf:<\/p>\n<p><strong>Tr\u00e4ume bedeuten mir etwas, <em>wenn<\/em> sie <em>mir<\/em> etwas bedeuten. <\/strong><\/p>\n<p>Ich meine, wenn ich <em>wach<\/em> bin und dar\u00fcber <em>nachdenke<\/em>, was sie bedeuten. Allein dadurch, <em>dass<\/em> ich dar\u00fcber nachdenke, <em>erlangen<\/em> sie Bedeutung. Und wenn mir beim Nachdenken \u00fcber einen Traum der letzten Nacht pl\u00f6tzlich klar wird, dass eine k\u00fcrzlich getroffene Entscheidung falsch war, weil ich damit eigentlich gar nicht <em>gl\u00fccklich<\/em> bin, ist es v\u00f6llig bedeutungslos, ob <em>mein <strong>Hirn<\/strong><\/em> mir dies mithilfe des Traums klarmachen <em>wollte<\/em>, ob mein <strong><em>Unbewusstes<\/em><\/strong> &#8211; oder ganz modern: dieses <strong><em>Etwas<\/em><\/strong>, das in den <strong>elektrischen Impulsen<\/strong> meines Gehirns gesucht wird, <em>vor mir<\/em> <em>wusste<\/em>, wie ungl\u00fccklich ich eigentlich mit dieser Entscheidung bin &#8211; und ob es <em>\u00fcberhaupt ein Unbewusstes <\/em>beziehungsweise dieses omin\u00f6se<em> Etwas gibt<\/em>. Das Unbewusste ist wie Kants Gott: es l\u00e4sst sich weder beweisen, noch widerlegen. <em>Ob<\/em> es existiert, ist f\u00fcr mich <em>nicht von Bedeutung<\/em>, sondern <em>was<\/em> ich aus dem Gedanken <em>mache<\/em>, dass es existieren <em>k\u00f6nnte<\/em>. Mit anderen Worten: Ich brauche keine <strong>quasi-g\u00f6ttlichen <\/strong>Tr\u00e4ume oder andere <strong>innere Instanzen<\/strong>, die mir etwas (\u00fcber mich) mitteilen. Dadurch, dass Tr\u00e4ume (eventuell) keine Bedeutung an sich haben, sondern ich ihnen diese Bedeutung zuschreibe, wird ihre Bedeutung nicht weniger gewichtig, im Gegenteil.<\/p>\n<p>Die oben erw\u00e4hnte allgemeine<strong> G\u00fcltigkeit<\/strong> ist etwas, dass ich mir auch <em>ohne mich<\/em>, ohne mein Zutun vorstellen kann. Aber unter <strong>Bedeutung<\/strong> stelle ich mir etwas anderes vor. Etwas, wie soll ich sagen &#8211; bedeutsameres. Ein allg\u00fcltiger Wert ist f\u00fcr mich zwar von Bedeutung, doch diese Bedeutung hat er nicht einfach<em> <strong>an sich<\/strong><\/em>, sondern erst in dem Moment, in dem ich ihn erkenne, als Kind das kleine 1&#215;1 erlerne, und ihn anwenden kann, zum Beispiel das erste Mal einkaufen gehe und nachrechne, wie viele S\u00fc\u00dfigkeiten ich mir f\u00fcr mein Taschengeld leisten kann. Dieses Erkennen und Anwenden des Wertes 1+1=2 <em>verleiht<\/em> ihm Bedeutung. Dadurch werden jene Wahrheiten, Tatsachen oder auch Hypothesen, denen ich eine Bedeutung zuschreibe, <em>tats\u00e4chlich<\/em> und <em>wirklich<\/em><strong> wertvoll<\/strong>. Wirklich und tats\u00e4chlich &#8211; zwei sehr bedeutungsreiche W\u00f6rter &#8211; im Gegensatz zu <em>blo\u00df <strong>theoretisch<\/strong><\/em>.<\/p>\n<p>Freud hat in jeder Zigarre \u2026 nun ja, zumindest selten eine Zigarre gesehen. Aber ganz so besessen davon war er nun doch nicht. Schlie\u00dflich hat er einger\u00e4umt, dass sie manchmal doch nur genau das ist: eine Zigarre. In einem meiner Lieblingscomics, Neil Gaimans <em>Sandman <\/em>(aus dem auch das Beitragsbild stammt), entf\u00fchrt dieser Sandman, auch einfach \u201eDream\u201c genannt, eine junge Frau in ihren Tr\u00e4umen (denn Tr\u00e4ume sind sein Reich). Sie fliegen gemeinsam \u00fcber eine Landschaft und diskutieren dar\u00fcber, ob sie nun einfach tr\u00e4umt oder ob er wirklich da ist. Wahr ist eigentlich beides. Die junge Frau merkt an, dass wir laut Freud tats\u00e4chlich von <strong>Sex<\/strong> tr\u00e4umen, wenn wir vom <strong>Fliegen<\/strong> tr\u00e4umen. Und Dream stellt eine \u00e4u\u00dferst kluge Gegenfrage: Wovon tr\u00e4umen wir dann tats\u00e4chlich, wenn wir von Sex tr\u00e4umen?<\/p>\n<p>So einfach ist das mit der Traumdeutung eben nicht, das hat auch Freud nie behauptet. Ich denke, es ging ihm \u00e4hnlich wie Kant in seiner Transzendentalphilosophie mehr um <em>M\u00f6glichkeiten<\/em>.<\/p>\n<p>Tr\u00e4ume sind Sch\u00e4ume? Nein: <strong>Tr\u00e4ume sind, was Du draus machst!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich einem sogenannten Tagtraum nachh\u00e4nge, f\u00e4llt mir das Titelthema wieder ein, das der SPIEGEL k\u00fcrzlich hatte: \u201eNachts im Gehirn. Warum wir tr\u00e4umen\u201c. 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