{"id":67,"date":"2015-05-08T17:14:42","date_gmt":"2015-05-08T15:14:42","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=67"},"modified":"2022-11-01T14:57:30","modified_gmt":"2022-11-01T12:57:30","slug":"wie-kaufe-ich-mir-einen-doktortitel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=67","title":{"rendered":"Wie kaufe ich mir einen Doktortitel?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Crash-Kurs in 10 Schritten<\/strong><\/p>\n<p>Den Doktortitel kaufen? Da denken wir an Personen des \u00f6ffentlichen Lebens, die die harte Arbeit anderer als eigene ausgaben. Aber nein, mein Fall ist ganz anders. Erstens habe ich <em>Philosophie<\/em> studiert. Das ist nichts f\u00fcr pragmatische Menschen, die ihre Adelstitel aus politischem Kalk\u00fcl um einen Doktortitel erweitern wollen. Da ist Jura besser geeignet. Zweitens sage ich <em>ganz offen<\/em>: <strong>Ich habe meinen Doktortitel gekauft.<\/strong> Noch nicht ganz, aber fast. Im Folgenden ein paar Tipps f\u00fcr die, die es mir nachtun m\u00f6chten.<\/p>\n<p><!--more-->F\u00fcr Au\u00dfenstehende sind die meisten Vorg\u00e4nge des akademischen Betriebs undurchsichtig und unverst\u00e4ndlich. Es beginnt schon bei den <strong>Zeitdimensionen<\/strong>. Eine R\u00fcckmeldung auf Bewerbungen dauert schon mal drei bis sechs Monate. Und ein zugesagtes Stipendium kann manchmal erst ein Jahr nach der Bewerbung angetreten werden. Nur so als Vergleich: In der Zeit hat der Supermarkt bei mir gegen\u00fcber sein altes Geb\u00e4ude abgerissen und gerade ein komplett neues hingestellt. Auch das <strong>Anfertigen von Doktorarbeiten<\/strong> nimmt Zeitr\u00e4ume in Anspruch, die f\u00fcr viele <strong>schwer nachvollziehbar<\/strong> sind. In den Geisteswissenschaften sind es theoretisch drei Jahre, tats\u00e4chlich schon mal doppelt oder dreimal so viel.<\/p>\n<p>Das sind 6 bis 9 Superm\u00e4rkte!<\/p>\n<p>Auch schwer nachvollziehbar: F\u00fcr das <strong>Schreiben selbst<\/strong> erhalten die meisten <strong>nichts<\/strong>. Wer kein Stipendium hat, muss zus\u00e4tzlich arbeiten. Betonung auf <em>zus\u00e4tzlich<\/em>. Ich habe hunderte Seiten trockener Sekund\u00e4rliteratur in verschiedenen Sprachen gelesen. Ich habe geschrieben, bis mein rechter Arm taub wurde. Ich habe Kontakte gekn\u00fcpft, mir Rat und Inspiration geholt, aber auch Kritik, meine ganze Arbeit in St\u00fccke gehauen und neu aufgebaut. Ich habe B\u00fccher gekauft, Forschungsreisen unternommen, kostenpflichtige Russischkurse besucht und haufenweise Druckerschw\u00e4rze und Papier verbraucht.<\/p>\n<p>Kurz: Ich habe viel <strong>investiert <\/strong>und (noch) nichts<strong> geerntet<\/strong>. So, als ob ich einen Baum pflanze, der weder w\u00e4chst, noch Bl\u00fcten oder Fr\u00fcchte tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ist die Arbeit nach all diesen <strong>materiellen<\/strong> und <strong>ideellen Opfern<\/strong> geschrieben, geht es erst richtig los. Promotionsordnungen m\u00fcssen gelesen, Formbl\u00e4tter ausgef\u00fcllt und die Arbeit in dreifacher, gebundener Ausfertigung beim Pr\u00fcfungsamt eingereicht werden. Nach einem halben Jahr hatte ich meine Gutachten. Einen Termin f\u00fcr die Verteidigung der Arbeit zu finden, dauerte nochmal ein halbes Jahr. Und diese Abst\u00e4nde sind keineswegs die l\u00e4ngsten in der Geschichte der deutschen Hochschuladministration. Nein, das war schon recht z\u00fcgig! Die Verteidigung machte sogar Spa\u00df. Es wurde diskutiert, geheim beraten, verk\u00fcndet und gratuliert. Mama und Papa waren stolz und ich erleichtert. \u201eDann bist Du jetzt Frau Doktor Pape!\u201c \u201eNein. Noch nicht.\u201c Verst\u00e4ndnislose Gesichter. &#8222;Was denn dann?&#8220; Ganz existenzialistisch antworte ich: \u201eNichts.\u201c Bereits nach Erhalt der schriftlichen Gutachten wurde ich f\u00e4lschlicherweise als Doktorin eingeordnet. In Deutschland musst Du allerdings folgendes tun, um einen <em>Doktortitel f\u00fchren zu d\u00fcrfen<\/em>:<\/p>\n<ul>\n<li>unter den oben genannten Opfern eine <strong>Arbeit <\/strong>zwischen 100 und 1000+ Seiten <strong>schreiben<\/strong> \u00ad *obligatorisch*<\/li>\n<li>sie zur Begutachtung <strong>einreichen<\/strong> mit dem ganzen Papierkram *obligatorisch*<\/li>\n<li>die Gutachter oder Gutachterinnen wiederholt <strong>erinnern<\/strong>, dass Du die Gutachten brauchst *sehr wahrscheinlich*<\/li>\n<li>deine Thesen <strong>m\u00fcndlich verteidigen<\/strong> *obligatorisch*<\/li>\n<li>mit der erhaltenen <strong>Kritik<\/strong> die Arbeit verbessern *obligatorisch*<\/li>\n<li>eine <strong>Druckgenehmigung<\/strong> vom Erstgutachter und dem Pr\u00fcfungsausschussvorsitzenden (der die Arbeit h\u00f6chstwahrscheinlich gar nicht kennt) einholen *obligatorisch*<\/li>\n<\/ul>\n<p>(ja, diese beiden Personen m\u00fcssen <em>dir erlauben<\/em>, dass Du <em>deine<\/em> Arbeit drucken darfst\u2026)<\/p>\n<ul>\n<li>den <strong>Druck organisieren<\/strong>:<\/li>\n<\/ul>\n<ol>\n<li>entweder im <strong>Selbstverlag<\/strong> (auf eigene Kosten) drucken oder die Arbeit online ver\u00f6ffentlichen oder<\/li>\n<li>einen <strong>Verlag suchen<\/strong>.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Je nach Verlag musst Du im zweiten Fall einen <strong>Druckkostenzuschuss<\/strong> zwischen 1000 und 3000 Euro zahlen. Damit deckt der Verlag einen Teil der Herstellungskosten. Diese Kosten sind gar nicht unangemessen. Zum Beispiel f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Satz_%28Druck%29\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Satz<\/a>, also das formale Anpassen von Seitengr\u00f6\u00dfe, Schriftart, \u00dcberschriftenebenen. Ich wei\u00df das, weil ich es selbst gemacht habe, um am Druckkostenzuschuss zu sparen. Jetzt wei\u00df ich was eine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kolumnentitel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>lebende Kolumne<\/strong><\/a> ist und wie sehr sie einen <strong>\u00e4rgern<\/strong> kann. In diese Arbeit floss auch noch einmal viel Substanz von mir in Form des sprichw\u00f6rtlichen Blutes, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen (ich habe mich wirklich mehr als einmal am Papier geschnitten\u2026). Da sich wissenschaftliche B\u00fccher nicht so gut verkaufen wie\u00a0<em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Fifty_Shades_of_Grey\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Fifty shades of grey<\/a><\/em> oder Martha Stuarts Einrichtungstipps ist <em>gar kein Gewinn<\/em> im eigentlichen Sinne eingeplant. Ja, <strong>Du schreibst ein Buch<\/strong> und <strong>zahlst f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung<\/strong> (Druckkostenzuschuss, Blut, Schwei\u00df, Tr\u00e4nen), ohne anschlie\u00dfend etwas aus dem Verkauf zur\u00fcckzubekommen. F\u00fcr die, sagen wir, rund 2000 Euro Druckkostenzuschuss erh\u00e4ltst Du aber Freiexemplare deines Buchs. Wenn Du Gl\u00fcck hast, so wie ich, erh\u00e4ltst Du sogar <em>einen Teil<\/em> deines Druckkostenzuschusses bezuschusst, so eine Art Stipendium. Dein (finanzielles) Soll wird etwas kleiner. Auf der Haben-Seite: ein <strong>Stapel B\u00fccher<\/strong>. Die Du selbst geschrieben und gesetzt hast.<\/p>\n<p><strong>Irgendwie tr\u00e4gt der Baum noch immer keine Fr\u00fcchte.<\/strong><\/p>\n<p>Aber zumindest steht er noch (falls ihn niemand geklaut hat&#8230;).<\/p>\n<p>Das Buch erscheint und kann theoretisch sogar gekauft werden. \u201e<em>Jetzt<\/em> darfst Du dich aber \u201aDoktor\u2018 nennen!\u201c \u201eNein. Noch nicht.\u201c Wieder verst\u00e4ndnislose Gesichter. Nein, so einfach ist das hier nicht. Du musst erst noch (je nach Promotionsordnung) 3 bis 6 Exemplare <em>unentgeltlich<\/em> in der <strong>Hochschulschriftenstelle<\/strong> abgeben, mit dem dort ausgeh\u00e4ndigten <strong>\u201ePassierschein A 38\u201c<\/strong> zum Pr\u00fcfungsamt gehen, wo hoffentlich die erw\u00e4hnten Druckgenehmigungen vorliegen, und dort die Doktorurkunde beantragen lassen.<\/p>\n<p>Soweit noch alles klar?<\/p>\n<p>Wie gesagt, einfach ist es nicht. Man muss schon was tun f\u00fcr sein Geld, \u00e4hm, ich meine: f\u00fcr so einen Titel. Und wehe, Du hast vergessen, neben dem <strong>Datum<\/strong> der Verteidigung und Angabe der <strong>Fakult\u00e4t <\/strong>auch den Namen der <strong>Gutachter<\/strong> und des <strong>Dekans<\/strong> (warum denn auch noch der Dekan?!) im Buch selbst zu erw\u00e4hnen\u2026 Aber, welche Gnade, ich darf es nachtr\u00e4glich einkleben und muss nicht die ganzen \u201emindestens 150 gedruckten Exemplare\u201c wieder \u201eeinstampfen\u201c, wie mir am Telefon mitgeteilt wird. Ich atme tief durch und nehme mir eine Dose <em>Dr Pepper<\/em> aus dem K\u00fchlschrank. Wieder Gl\u00fcck gehabt! Oder doch nicht? \u201eSie haben eine F\u00f6rderung aus <strong>\u00f6ffentlichen Mitteln<\/strong> erhalten? Dann sind es 10 Exemplare.\u201c \u201e10?!\u201c Diese Nachricht verursacht die ersten roten Flecken auf meinem Dekollet\u00e9 (die bekomme ich immer, wenn ich mich aufrege). Es gab einen Beschluss. Dass der Beschluss erst zwei Monate nach dem Abschluss meiner Promotion (der Verteidigung) beschlossen wurde, spielt keine Rolle. Er gilt r\u00fcckwirkend. Warum auch nicht\u2026 Mittlerweile gl\u00fcht mein Ohr vom Telefonieren. \u201eSieh es mal so, die erw\u00e4hnte \u201aangemessene Zahl bei F\u00f6rderung aus \u00f6ffentlichen Mitteln\u2018 wurde damit <em>beschr\u00e4nkt<\/em>\u201c, bemerkt meine Bekannte im Pr\u00fcfungsb\u00fcro, \u201evorher h\u00e4tten es ja auch 40 sein k\u00f6nnen.\u201c Da hat sie Recht. Aber was machen die eigentlich damit? Sie dienen der Bibliothek deiner <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alma_Mater\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>alma mater<\/em><\/a> zu \u201eTauschzwecken\u201c. Es ist eine <strong>W\u00e4hrung<\/strong>. Die Du zahlen musst. \u201eAlma mater\u201c ist eine Art Kosename f\u00fcr die eigene Universit\u00e4t und hei\u00dft w\u00f6rtlich \u201en\u00e4hrende Mutter\u201c. Mittlerweile habe ich die ersten roten Flecken im Gesicht. Langsam bekomme ich auch Lust, den sch\u00f6nen, teuren Harteinband meines Buches auszunutzen und es jemandem auf den Kopf zu hauen. Nur wem?<\/p>\n<p>Meiner <em>alma mater<\/em>? Der Studienordnung? Dem System?<\/p>\n<p>Ich muss dazu sagen, dass ich einen gro\u00dfartigen Verlag habe, der mich gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt. Die meisten ben\u00f6tigen ihre wenigen Freiexemplare f\u00fcr <strong>Bewerbungen<\/strong>. Und nat\u00fcrlich f\u00fcr <strong>Familie<\/strong> und Freunde. Das bedeutet: Du musst unter Umst\u00e4nden <strong>dein eigenes Buch<\/strong> <strong>kaufen<\/strong> und <strong>der Hochschulschriftenstelle deiner Universit\u00e4tsbibliothek<\/strong> zur Verf\u00fcgung stellen. <strong>Ohne das erh\u00e4ltst Du den Passierschein A 38 nicht und ohne den gibt es keine Doktorurkunde!!!<\/strong> Oh pardon, ich fange an zu schreien&#8230;<\/p>\n<p>Ich k\u00fchle meinen mittlerweile hochroten Kopf mit der Dose <em>Dr Pepper<\/em> und denke nach. Bisher habe ich eine hohe <strong>Anzahlung<\/strong> geleistet, viel <em>Zeit<\/em>, <em>M\u00fche<\/em> und auch <em>Geld <\/em><strong>investiert<\/strong>, um (wahrscheinlich) irgendwann daf\u00fcr dieselben zwei kleinen Buchstaben vor meinem Namen zu erhalten wie die Dose in meiner Hand.<\/p>\n<p><strong>Insofern habe ich mir meinen Dr. (schon fast) gekauft.<\/strong><\/p>\n<p>Wie die Dose Cola. Die war auch nicht ganz billig. So ein Dr. kostet eben. Wenn ich sie so ansehe, scheinen mir bei ihr Aufwand und Nutzen allerdings in einem angemesseneren Verh\u00e4ltnis zu stehen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Falls Du nicht in einem Verlag ver\u00f6ffentlichst, beh\u00e4lt sich die Bibliothek vor, ungefragt Kopien deines Buches anzufertigen. Sie kann also ihr eigenes <strong>&#8222;Geld&#8220; drucken<\/strong>. Auf deine Kosten. Und Du \u00fcbertr\u00e4gst entweder einem Verlag oder der Bibliothek <em>fast alle Rechte an deinem Buch<\/em>.<\/p>\n<p>Die <strong>Nichtw\u00fcrdigung fremder Gedanken<\/strong> und fremder Arbeit durch dieses <strong>System<\/strong> scheint mir jene durch die anfangs erw\u00e4hnten Plagiator\/-innen bei weitem zu \u00fcbersteigen. Plagiat kommt von <em>plagiarius<\/em>, das bedeutet \u201eSeelenverk\u00e4ufer&#8220;. Langsam habe ich das Gef\u00fchl, ich habe meine eigene Seele verkauft.<\/p>\n<p><em>Zahlt<\/em> es sich dennoch <em>aus<\/em>, eine Doktorarbeit auf <strong>legalem Wege<\/strong> und nach den \u201eRegeln guter wissenschaftlicher Praxis\u201c anzufertigen? Ja! Denn Du h\u00e4ltst irgendwann <strong><em>dein Buch<\/em><\/strong> in den H\u00e4nden. Und mit einem Mal sehe ich, was ich vor lauter B\u00fcrokratie und akademischem Bl\u00f6dsinn fast \u00fcbersehen h\u00e4tte: Der Baum tr\u00e4gt l\u00e4ngst Fr\u00fcchte. Mein Baby! Die Anstrengungen der \u201aGeburt\u2018 verblassen. Das getr\u00fcbte Verh\u00e4ltnis zu meiner <a href=\"https:\/\/www.hu-berlin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>alma mater berolinensis<\/em><\/a> aber bleibt bestehen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Crash-Kurs in 10 Schritten Den Doktortitel kaufen? Da denken wir an Personen des \u00f6ffentlichen Lebens, die die harte Arbeit anderer als eigene ausgaben. 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