{"id":87,"date":"2015-06-30T13:44:24","date_gmt":"2015-06-30T11:44:24","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=87"},"modified":"2022-11-01T14:57:25","modified_gmt":"2022-11-01T12:57:25","slug":"bachtin-tucholsky-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=87","title":{"rendered":"Bachtin, Tucholsky und ich"},"content":{"rendered":"<h1>Oder: Sind wir nicht alle ein bisschen am\u00f6?<\/h1>\n<p>K\u00fcrzlich hatte ich eine Buchparty, sozusagen eine Party zur Geburt meiner\u00a0<a href=\"https:\/\/www.fink.de\/katalog\/titel\/978-3-7705-5894-0.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Doktorarbeit<\/a>. Ich m\u00f6chte mich an dieser Stelle bei allen Anwesenden f\u00fcr die lebhafte Diskussion bedanken und bei den Besitzern der <a href=\"http:\/\/www.buchhandlung-tucholsky.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tucholsky Buchhandlung<\/a> f\u00fcr die R\u00e4umlichkeit, in der das ganze stattfand. <strong>Kurt Tucholsky<\/strong> und <strong>Michail Bachtin<\/strong>. Eigentlich passen die beiden ganz gut zusammen. Bachtin mit seinen schwarzen &#8222;Kladden&#8220;, und Tucholsky mit seinem &#8222;Sudelbuch&#8220;. Und ich, die ich jetzt diesen Blogeintrag schreibe.<\/p>\n<p>Vor allem aber: zwei liebenswerte <strong>Querulanten<\/strong>.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Vorbereitungen f\u00fcr die Party fiel einmal das Wort <strong>\u201estrange\u201c<\/strong>. <!--more-->Ja, Philosophie ist manchmal etwas \u201estrange\u201c. Und <em>wir<\/em> sind \u201estrange\u201c. Der Mann, der Goethe rauchte. Und ich, die ich unbedingt \u00fcber ihn schreiben wollte. Ich musste aber auch an David Bowies \u201eStrangers when we meet\u201c denken: \u201cI\u2019m so <em>thankful<\/em>, cause we\u2019re strangers when we meet.\u201d<\/p>\n<p>Bachtin und ich \u2013 zwei Fremde, zwei Andere, die sich begegnet sind.<\/p>\n<p>\u201eStrange\u201c hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht nur \u201efremd\u201c, sondern auch \u201emerkw\u00fcrdig\u201c. Aber auch das passt, denn \u201emerk-w\u00fcrdig\u201c ist eigentlich ein sehr sch\u00f6nes Wort. Darin steckt <strong>Auf-merk-samkeit<\/strong>. Und <strong>W\u00fcrde<\/strong>. Nachdem ich einmal angefangen hatte, konnte ich die im wahrsten Sinne merkw\u00fcrdigen Schriften dieses merkw\u00fcrdigen Denkers nicht mehr weglegen. Aufmerksam <em>gemacht<\/em> hatte mich darauf mein Literatur-Professor Werner R\u00f6cke, der nicht m\u00fcde wurde, von seinem \u201eS\u00e4ulenheiligen\u201c Bachtin zu schw\u00e4rmen. Dann kam ich. Wie ich im Vorwort meines Buchs geschrieben habe: Wenn er Goethes <strong>Zauberlehrling<\/strong> w\u00e4re, w\u00e4re ich der <strong>Besen<\/strong> \u2013 Ich war nicht mehr zu stoppen!<\/p>\n<p>Ein Gef\u00fchl geistiger Verwandtschaft hat mich dabei von Anfang an begleitet und ziert nun in Form eines Zitats den Buchdeckel: \u201eAutonome Teilhaftigkeit und teilhaftige Autonomie\u201c.<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft das eigentlich?<\/p>\n<p>Selbst ein Kollege, also jemand vom Fach, kommentierte den Titel nur mit: \u201eVersteh\u2019 ich nicht. Was soll das sein?\u201c Dabei ist es ganz einfach (auch wenn es eigentlich zweifach ist, oder sogar vielfach): \u201eAutonome Teilhaftigkeit\u201c, das sind \u2013 wir!<\/p>\n<p>Eine <strong>Gemeinschaft<\/strong>, die aus (mindestens) zwei Teilen besteht, die zusammen mehr k\u00f6nnen als f\u00fcr sich allein, aneinander teilhaben, aber ohne ihre <strong>Individualit\u00e4t<\/strong>, ihren eigenen Willen aufzugeben, ohne zu verschmelzen. Bei Bachtin hei\u00dft es, dass sich <strong><em>zwei verschiedene<\/em> Welten<\/strong> in unseren Augen <strong>spiegeln<\/strong>, wenn wir einander anschauen. Wir k\u00f6nnen uns ann\u00e4hern, aber nie dasselbe sehen. Ich bleibe ich und Du bleibst Du. Und das ist gut so. Ich versetzte mich zwar st\u00e4ndig in die anderen hinein, wenn ich \u00fcberlege, welches Kleid ich heute anziehe oder ob das, was ich gerade gesagt habe, mein Gegen\u00fcber verletzt haben k\u00f6nnte. Aber jedes Mal muss ich am Ende aus dieser gedachten Perspektive des Anderen zu mir zur\u00fcckkehren. Sonst wird es unangenehm \u2013 f\u00fcr mich und f\u00fcr die anderen. Bachtin spricht von der <strong>Nabelschnur des Selbstbewusstseins<\/strong>, an der ich immer an mir selbst h\u00e4nge, auch wenn ich wie ein Luftballon in die H\u00f6hen der Abstraktion aufsteige \u2013 etwas, was wir Philosophierenden ganz gerne mal tun. Kant forderte, wir sollen <strong>anstelle eines jeden anderen denken<\/strong>. Und das ist oft ganz sinnvoll, damit ich eben nicht r\u00fccksichtslos handle: W\u00fcrde ich wollen, dass die anderen mich so behandeln? Manchmal ist es aber auch kontraproduktiv. Bevor wir lange gr\u00fcbeln, was der Andere von uns denkt, warum nicht einfach fragen, wenn er doch vor uns steht? Wenn wir \u00fcber das, was wir <em>im je Anderen<\/em> sehen, in einen Dialog treten, erschlie\u00dfen sich uns die beiden Spiegelungen, die zwei Welten, als <strong><em>zwei<\/em> Facetten <em>einer<\/em> gemeinsamen Welt<\/strong>, die durch jede neue Perspektive etwas dazu gewinnt: <strong>das sind Wir<\/strong>.<\/p>\n<p>Ein Symbol daf\u00fcr ist das <strong>Yin Yang<\/strong>-Zeichen.<\/p>\n<p>Ein Wort daf\u00fcr ist: <strong>Freundschaft<\/strong>. Oder: <strong>Liebe<\/strong>.<\/p>\n<p>Deshalb lasen wir einige Ausz\u00fcgen aus dem Kapitel \u00fcber Tod und Liebe \u2013 das bisher immer die meisten Kontroversen hervorgerufen hatte. N\u00e4mlich mit der These, dass <strong>ich mich nicht selbst lieben<\/strong> kann. Nicht auf die Weise, wie ich andere liebe. Es gibt einen gro\u00dfen Unterschied zwischen uns. Die anderen kann ich vermissen, mich nicht (auch wenn ich manchmal gerne Urlaub von mir selbst h\u00e4tte\u2026): Ich bin immer mit mir. Ich bin <strong><em>identisch<\/em> <\/strong>mit mir, <strong><em>nahe<\/em> <\/strong>kann ich (gerade deshalb) nur den anderen sein.<\/p>\n<p><strong>Viel(falt)<\/strong> war das Thema des Abends. Und es war tats\u00e4chlich etwas mehr, als ich erwartet hatte \u2013 und zwar von allem. Erst einmal mussten zus\u00e4tzliche St\u00fchle geholt werden. Wahnsinn! Und die vielen Menschen hatten viel zu sagen. DANKE DAF\u00dcR!<\/p>\n<p>Wobei nat\u00fcrlich nicht alles glatt lief (das w\u00e4re ja auch langweilig\u2026). Ich kann mich eben nicht nur selbst nicht lieben, sondern nun einmal auch <strong>nicht selbst moderieren<\/strong> (eine sch\u00f6ne Veranschaulichung, welche Folgen die fehlende Distanz zu mir haben kann): Wenn ich ein Dialogangebot bekomme, kann ich einfach nicht widerstehen. Wie gesagt, der Besen\u2026 Wobei auch nicht jeder Redebeitrag tats\u00e4chlich ein <strong>Dialogangebot<\/strong> war. Ja, es gibt auch immer Missverst\u00e4ndnisse. Wie mit dem Am\u00f6benmann. Er schien etwas ganz <em>anderes<\/em> zu erwarten (was ja eigentlich auch zum Thema passt). Das Problem war wohl, dass er selbst nicht wusste was. Zumindest hat er auf meine Nachfrage, was er denn wolle, keine Antwort gegeben. Stattdessen hat er behauptet, ich h\u00e4tte etwas von <strong>Am\u00f6ben<\/strong> erz\u00e4hlt. Nicht irgendeiner, nein: der allerersten Am\u00f6be. Mir war (noch) nicht klar, wie er von Menschen (um die es mir ging) auf Am\u00f6ben gekommen war. Dementsprechend endete der Dialog damit auch \u2013 zun\u00e4chst. Sp\u00e4ter aber diskutierten meine Jungs vor dem Laden bei einer Zigarette angeregt dar\u00fcber, was es f\u00fcr die erste Am\u00f6be bedeutet haben mag, <strong>ganz allein zu sein<\/strong>. Da wurde auch die These der <strong>unm\u00f6glichen Selbstliebe<\/strong> wieder aufgegriffen. Zum Beispiel, dass die arme einzelne Am\u00f6be nur <strong>Pornos<\/strong> von sich selbst gucken konnte. Es gab ja niemand sonst. Und wie langweilig das wohl war.<\/p>\n<p>Erst viel sp\u00e4ter wurde mir klar, dass es sich um ein <strong>Missverst\u00e4ndnis<\/strong> im ganz physikalischen Sinne gehandelt haben muss (einen <strong>Verh\u00f6rer<\/strong>, sozusagen). Also, an dieser Stelle noch einmal laut und deutlich: Ich habe von den <strong>Anderen und dem Einzel<em>nen<\/em> <\/strong>gesprochen, nicht von <strong>Einzel<em>lern<\/em><\/strong>.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, dass wir das gekl\u00e4rt haben. Und noch sch\u00f6ner, dass sogar jedes Missverst\u00e4ndnis letztlich produktiv sein kann.<\/p>\n<p>Das ganze brachte meinen <a title=\"BEEF!\" href=\"http:\/\/blog.carinapape.net\/?p=35\">guten Freund (den Veganer)<\/a> n\u00e4mlich auf die L\u00f6sung eines sehr aktuellen Problems. Mit Kant gesprochen: Es ist schon ein gro\u00dfer und n\u00f6tiger <strong>Beweis der Klugheit<\/strong> zu wissen, wie man <strong>vern\u00fcnftiger Weise <em>gendern<\/em> <\/strong>sollte. Die erste Am\u00f6be war quasi pr\u00e4sexuell und zugleich alles in einem \u2013 \u00e4hm, alles in einer, meine ich. Damit war sie irgendwie auch nichts \u2013 hetero und homo geht ja schlecht so allein und bi schon gar nicht. <strong>Sie war einfach: am\u00f6<\/strong>. Nix mit X (also: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/wunderbar\/gendertheorie-studierx-lann-hornscheidt-ueber-gerechte-sprache-a-965843.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ProfessX<\/a>). Nein: am\u00f6! Klingt gut und sieht viel sch\u00f6ner aus als Innen und _innen und -Xe.<\/p>\n<p>Ich bin jetzt Doktam\u00f6. Vielleicht werde ich irgendwann Professam\u00f6. Super!<\/p>\n<p>Oder ich bleibe einfach ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Sind wir nicht alle ein bisschen am\u00f6? K\u00fcrzlich hatte ich eine Buchparty, sozusagen eine Party zur Geburt meiner\u00a0Doktorarbeit. Ich m\u00f6chte mich an dieser Stelle bei allen Anwesenden f\u00fcr die lebhafte Diskussion bedanken und bei den Besitzern der Tucholsky Buchhandlung f\u00fcr die R\u00e4umlichkeit, in der das ganze stattfand. Kurt Tucholsky und Michail Bachtin. 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