{"id":97,"date":"2015-08-30T15:10:45","date_gmt":"2015-08-30T13:10:45","guid":{"rendered":"http:\/\/rdpk.sederstroem.net\/blog\/?p=97"},"modified":"2022-11-01T14:57:17","modified_gmt":"2022-11-01T12:57:17","slug":"angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.carinapape.net\/?p=97","title":{"rendered":"Angst"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze im Zug und sehe aus dem Fenster. Rauch steigt auf. Aus einem Riesenschornstein. Wo bin ich hier? Keine Ahnung. Jedenfalls (noch) irgendwo in Berlin.<\/p>\n<p>Und ich denke: <strong>Es brennt.<\/strong> Jetzt auch in Berlin. Metaphorisch und w\u00f6rtlich. Angeblich konnte man die Rauchs\u00e4ule \u00fcber der halben Stadt sehen, als die Turnhalle neben dem<strong> Asylheim<\/strong> angesteckt worden war. Ein Teil meines Verstandes weigert sich, das anzuerkennen. <strong>Nicht hier, nicht bei uns.<\/strong> <!--more-->So sehr ich mich mittlerweile mit der Gro\u00dfstadt identifiziere, so sehr habe ich wohl diese kleinst\u00e4dtische Haltung behalten. Wahrscheinlich ist das aber gar nicht so kleinst\u00e4dtisch. Es hat allerdings schon etwas mit <strong>Heimat<\/strong> zu tun. Heimat \u2013 dort wo man sich sicher f\u00fchlt. Nicht bei uns. Mittlerweile hatte sich herausgestellt, dass Kinder an der Turnhalle gekokelt hatten. Also doch keine Nazis. Doch nicht bei uns!<\/p>\n<p>Falsch. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2015-04\/fluechtlinge-unterkunft-brand-berlin-lichterfelde\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Da war doch was im April&#8230;.<\/a> Und auch wenn jetzt gerade keine Turnhalle brennt \u2013 in den K\u00f6pfen brennt es durchaus. Ja, ich habe <strong>Angst<\/strong>. Ich denke, dass es ganz gut ist, dass Gedanken nicht nur frei sind, sondern auch keinem wehtun, solange es Gedanken bleiben. Ich werde n\u00e4mlich einen nicht los: Ich w\u00fcrde diesen Menschen auch gerne den Arm zum Gru\u00df entgegenstrecken. Aber nicht mit <strong>flacher Hand,<\/strong> sondern mit geballter <strong>Faust<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Angst und Wut.<\/strong><\/p>\n<p>Der Mensch ist ein Flucht- und Herdentier. Leider ist er nicht halb so klug, wie sein Gattungsname &#8222;sapiens&#8220; nahelegt Wenn uns jemand schubst, l\u00f6st das Bed\u00fcrfnis zur\u00fcck zu schubsen oft zu schnell den ersten Schreck und Fluchtreflex ab. Obwohl Flucht meist kl\u00fcger w\u00e4re. Problematischer als die Dummheit, die die (berechtigte) Angst \u00fcberwiegt, ist aber wohl der Herdentrieb.<\/p>\n<p>Im Fernsehen laufen Spezialsendungen \u00fcber Neo-Nazitum. Die <strong>Herde tobt<\/strong> und folgt, wie sollte es anders sein, den F\u00fchrern. Ich denke an <em>Bad Religion<\/em>: \u201eThink! Think before you die!\u201c Wenigstens einmal\u2026<\/p>\n<p>Es gibt viele Bekundungen gegen die neue <strong>Rechtswelle<\/strong>. Aber ist es \u00fcberhaupt eine Welle? Das klingt so m\u00e4chtig. So ernst und bedrohlich. Wenn eine Welle auf einen zukommt, kann man nichts anderes machen, als sich irgendwo festzuklammern, sich zusammen zu kauern. <strong>Wegzuschauen<\/strong>. In der S-Bahn haben zwei Nazis eine Frau beschimpft und \u2013 mir wird \u00fcbel, wenn ich dran denke \u2013 auf ihr Kind uriniert. Und da ist sie wieder, die Faust in meinen Gedanken. <em>Zwei<\/em> Nazis. Zwei anwesende junge Menschen erz\u00e4hlen im Fernsehen, wie die Situation war. Sie hatten 110 gew\u00e4hlt und die Typen wurden geschnappt. Meine F\u00e4uste im Kopf einmal beiseitegelassen, wahrscheinlich hat sich das Paar ganz richtig verhalten. Aber die Situation war nicht zwei gegen zwei. Es waren noch andere anwesend. Sie h\u00e4tten weggeschaut und gest\u00f6hnt oder geseufzt. Ich denke dar\u00fcber nach, was wohl passiert w\u00e4re, wenn die, sagen wir, sechs oder mehr Personen <strong>einfach aufgestanden<\/strong> w\u00e4ren. Einfach nur aufgestanden. Sechs, acht oder zehn gegen zwei? Sich vielleicht vor das Kind gestellt h\u00e4tten. Ich wei\u00df nicht, wie ich mich verhalten h\u00e4tte. Wir kennen das vielleicht alle: Wir stehen im Fahrstuhl, jemand kommt herangeeilt und will noch mitfahren \u2013 aber wir <strong>schalten nicht rechtzeitig<\/strong>. Vielleicht dr\u00fccken wir noch den Knopf, um die T\u00fcr aufzuhalten, aber es ist zu sp\u00e4t. Und auf solche Situationen wie jene in der S-Bahn sind wir einfach nicht vorbereitet.<\/p>\n<p>Wieder mit <em>Bad Religion<\/em> gesprochen: Sometimes truth is stranger than fiction.<\/p>\n<p>Und diese Wahrheit macht\u00a0 uns Angst.<\/p>\n<p><strong>Doch nicht bei uns!<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe wieder aus dem Fenster des IC. Wir sind jetzt hinter Spandau im Speckg\u00fcrtel. Es ist so <strong>neblig<\/strong>, dass ich keine zwei Meter weit sehen kann. Der Herbst k\u00fcndigt sich an.<\/p>\n<p>Ich denke, auf <strong>Angst<\/strong> folgt nicht nur im Fall des erw\u00e4hnten Schubsens <strong>Wut<\/strong>. Ich bin \u00fcberzeugt, dass Angst und Unsicherheit eine Hauptquelle f\u00fcr Wut und Hass sind. Auch <strong>Fremdenhass<\/strong>. Das Fremdwort daf\u00fcr lautet <strong>Xeno<em>phobie<\/em><\/strong>. Wie Homo<em>phobie<\/em> \u2013 w\u00f6rtlich: die <em>Angst<\/em> vor Homosexualit\u00e4t oder vor dem Fremden. Was macht uns mehr Angst als das Fremde, Unbekannte?<\/p>\n<p>Als Pegida in Dresden aufmarschierte, sagte ein Politiker (oder war es ein Politikwissenschaftler?), dass das in Berlin eine andere Situation ist. Hier <em>wissen<\/em> wir, mit wem wir es zu tun haben. Stimmt. Es sind doch meist diejenigen, die schlecht <em>\u00fcber <\/em>die Fremden reden, aber nicht <em>mit<\/em> ihnen. Gar <strong>keinen Kontakt<\/strong> haben.<\/p>\n<p>\u201eDas steht doch im Koran!\u201c Hast du ihn gelesen? \u201eNein.\u201c<\/p>\n<p>Macht nichts \u2013 leider. Wie Goethe sagte: Einen Sp\u00f6tter h\u00e4lt man mit <strong>Argumenten<\/strong> so fest wie einen Aal beim Schwanz. Und Fremdenhass ist ein weit komplexeres Ph\u00e4nomen als blo\u00dfe Angst vor dem Fremden, mit sozialen Strukturen, individuellen Befindlichkeiten und kaum durchschaubaren Dynamiken. Wie auch immer, Pegida h\u00e4tte es in Berlin jedenfalls schwerer gehabt, als anderswo. Aber vielleicht haben wir uns zu sehr darauf ausgeruht? Der allt\u00e4gliche Kontakt zu Migrantinnen und Migranten sorgt daf\u00fcr, dass wir gar keine solchen Schreckgespenster \u00fcber sie ausbilden k\u00f6nnen, wie diese Leute, die den Koran <em>nicht<\/em> gelesen haben.<\/p>\n<p>Wir, die wir keine Angst haben, sie anzusehen, mit ihnen zu sprechen. Da f\u00e4llt mir eine Begebenheit ein, die schon ein paar Jahre her ist. Ich sa\u00df in der <strong>Stra\u00dfenbahn<\/strong> und fuhr von der Greifswalder Stra\u00dfe Richtung Lichtenberg. Ja, Lichtenberg, verschrien als <strong>Nazigegend<\/strong>. Was nicht ganz stimmt, aber die Stimmung ist schon anders als auf dem Kreuzberg. Ich sa\u00df dort also und sah mir die Menschen an. Die Sonne schien und ich dachte, wie sch\u00f6n bunt (auch wenn meine bevorzugte Farbe Schwarz ist, mag ich bunt an anderen). Da sa\u00df eine junge Frau mit roten Dreadlocks (die <em>sehr<\/em> bunt angezogen war), zwei M\u00e4nner mittleren Alters unterhielten sich auf Russisch \u00fcber Zigarettenpreise. Eine dunkelh\u00e4utige Frau mit Kinderwagen stieg ein und die Russen und ein junger Student halfen ihr mit dem Kinderwagen. Irgendwie hatten alle <strong>gute Laune<\/strong> (auch das kommt in Berlin mal vor). An der n\u00e4chsten Station stiegen zwei Personen ein: eine junge Frau mit <strong>Kopftuch<\/strong>, ich sch\u00e4tze, eine Araberin, und ein junger Mann mit <strong>Bomberjacke<\/strong>, Springerstiefeln und Glatze. Reflexartig war meine Vorsicht geweckt. Aufmerksam beobachtete ich ihn. Und die anderen. Sie nahmen ihn ebenfalls wahr, hatten vielleicht wie ich f\u00fcr einen kurzen Moment den <strong>Fluchtreflex<\/strong>, aber dann waren alle entspannt. Sie scherzten weiter miteinander \u2013 wild<em>fremde<\/em> Menschen unterschiedlicher Kulturen, verschiedenen Alters und Geschlechts, die nicht einmal alle dieselbe Sprache sprachen, <em>verstanden<\/em> sich.<\/p>\n<p>Vielleicht kam es mir nur so vor, aber ich hatte den Eindruck, dass nach dem Einsteigen des Nazis dieses Gef\u00fchl des Wir noch st\u00e4rker war. Es war, als st\u00fcnde zwischen uns allen die Erleichterung in der Luft: Wir sind <strong>nicht allein<\/strong>. <em>Er<\/em> ist allein. Ich musste unwillk\u00fcrlich l\u00e4cheln. Die Russen l\u00e4chelten zur\u00fcck. Und unversehens traf mein L\u00e4cheln auch den Nazi. Er l\u00e4chelte nicht zur\u00fcck. Und dann sah ich den Ausdruck in seinen Augen, den ich nie wieder vergessen werde: <strong>Angst<\/strong>. Und pl\u00f6tzlich tat er mir leid.<\/p>\n<p>Ja, ein in die enge getriebenes Tier ist <strong>gef\u00e4hrlich<\/strong>. Und ja, ich habe Angst. Und um mit unserem ehemaligen B\u00fcrgermeister zu sprechen: Das ist gut so. Es kann uns allen passieren, dass wir Zeugen werden, wie das junge Paar. Jeden Tag, in der Bahn oder anderswo. Das sollten wir nicht <strong>ignorieren<\/strong>. Aber: wir sind in der Mehrheit.<\/p>\n<p>Es ist 6:30. Ich sehe wieder aus dem Zug. Der Nebel lichtet sich und ich sehe die Sonne aufgehen.<\/p>\n<p>Wir sind nicht allein. Wenn wir einfach aufstehen, einfach nur aufstehen \u2013 vielleicht reicht das ja schon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze im Zug und sehe aus dem Fenster. Rauch steigt auf. Aus einem Riesenschornstein. Wo bin ich hier? Keine Ahnung. Jedenfalls (noch) irgendwo in Berlin. Und ich denke: Es brennt. Jetzt auch in Berlin. Metaphorisch und w\u00f6rtlich. 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