Träume

Als ich einem sogenannten Tagtraum nachhänge, fällt mir das Titelthema wieder ein, das der SPIEGEL kürzlich hatte: „Nachts im Gehirn. Warum wir träumen“. Was mir einfiel war nicht der interessantere Teil über das Klarträumen (wenn wir wissen, dass wir träumen und die Handlung teilweise steuern können) und die Möglichkeiten, die das provozierte Klarträumen in der Therapie von Trauma-Opfern bietet. Nein, es war das scheinbar unwichtigere, das, was nicht ganz neu war. Die Frage, ob Träume etwas bedeuten oder nicht. Dort gebe es zwei Lager: Die einen suchen nach einem „verborgenen Sinn in Träumen, die anderen halten sie für das Nebenprodukt unwillkürlicher Hirnsignale – ein wildes Funken der Neuronen, ohne jede Bedeutung“, so der Artikel.

Dass mir genau das einfiel, passt irgendwie auf kuriose Weise gleichermaßen zum Thema des Artikels und meiner Gedanken. Ich frage mich, ob wichtig und nicht wichtig so klar zu trennen sind und was genau es bedeuten soll, dass Träume etwas bedeuten – oder auch nicht.

Es erinnert mich an eine Frage, die in den ersten Semestern des Philosophiestudiums gerne stundenlang in Seminarräumen und anschließend noch mal stundenlang beim Bier in der Kneipe diskutiert wird:

Ob ein im Wald umfallender Baum ein Geräusch macht, wenn niemand es hört?

Nach vielen Jahren intensiver Studien und noch intensiverer Runden am Stammtisch bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass das doch völlig egal ist!

Anders verhält es sich zum Beispiel mit der Tatsache, dass der Baum gefallen ist und mir nun den Weg versperrt. Oder wenn er fällt und ich gerade daneben stehe und das Geräusch, dass er tatsächlich macht, mir in den Ohren wehtut. Das Geräusch, das der Baum macht oder nicht macht, wenn es mich nicht betrifft, … naja, betrifft mich eben nicht. Es ist bedeutungslos für mich.

Keineswegs bedeutungslos dagegen ist aber die Tatsache, dass ich mir diese Frage überhaupt stellen kann, dass sie mich und Generationen des philosophischen Nachwuchses so sehr beschäftigt. Es scheint eine jener Fragen zu sein, von denen die Vernunft, wie Kant bemerkt, „belästigt wird“, die sie weder ignorieren noch beantworten kann. Deshalb eignet sie sich so gut für das Training eines klaren philosophischen Kopfes, aber auch für den nicht mehr ganz nüchternen Kopf nach einem Glas Bier oder Wein zu viel.

Und was ist überhaupt von Bedeutung? Oder besser: Was ist überhaupt Bedeutung?

Sind es nicht weniger die ‚ewigen Wahrheiten‘, wie zum Beispiel 1+1=2, die ganz unabhängig von mir Gültigkeit besitzen? Welche Bedeutung kann denn etwas für mich haben, für das ich selbst ganz bedeutungslos bin?

Mir erscheint auch die Feststellung der Traumforscherin Ursula Voss (die zu den Klarträumen forscht) in dieser Hinsicht irgendwie verkehrt herum. Im Interview sagt sie, dass Träume „uns nichts mitteilen“ wollen. Ihr Inhalt sei nicht wichtig, und deshalb sei „es auch nicht nötig, dass wir uns an sie erinnern.“ Nichts als ein wildes Funken der Neuronen, ohne jede Bedeutung?

Ich möchte anmerken, dass zum einen die Wichtigkeit der Trauminhalte vielleicht weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Zumindest wäre ich vorsichtig, Neuronenfunken mit jenen Dingen gleichzusetzen, nach denen wir uns so sehr sehnen: eine Seele oder einen Gott. Und Träume sind an beidem schon sehr nah dran. Zum anderen würde ich ihr zustimmen, dass es nicht nötig ist, sich an Träume zu erinnern, weil sie nicht per se wichtig sind. Aber: Wenn ich mich an einen Traum erinnere, ist (oder wird) er wichtig. Nicht die grauenvolle Frage aus dem Deutschunterricht: Was will uns (auch noch uns!) der Autor (in diesem Fall der Traum) damit sagen? Nein: Was bedeutet mir dieses Drama oder dieses Gedicht? Das ist hier die Frage! Ich stelle mal eine wilde These auf:

Träume bedeuten mir etwas, wenn sie mir etwas bedeuten.

Ich meine, wenn ich wach bin und darüber nachdenke, was sie bedeuten. Allein dadurch, dass ich darüber nachdenke, erlangen sie Bedeutung. Und wenn mir beim Nachdenken über einen Traum der letzten Nacht plötzlich klar wird, dass eine kürzlich getroffene Entscheidung falsch war, weil ich damit eigentlich gar nicht glücklich bin, ist es völlig bedeutungslos, ob mein Hirn mir dies mithilfe des Traums klarmachen wollte, ob mein Unbewusstes – oder ganz modern: dieses Etwas, das in den elektrischen Impulsen meines Gehirns gesucht wird, vor mir wusste, wie unglücklich ich eigentlich mit dieser Entscheidung bin – und ob es überhaupt ein Unbewusstes beziehungsweise dieses ominöse Etwas gibt. Das Unbewusste ist wie Kants Gott: es lässt sich weder beweisen, noch widerlegen. Ob es existiert, ist für mich nicht von Bedeutung, sondern was ich aus dem Gedanken mache, dass es existieren könnte. Mit anderen Worten: Ich brauche keine quasi-göttlichen Träume oder andere innere Instanzen, die mir etwas (über mich) mitteilen. Dadurch, dass Träume (eventuell) keine Bedeutung an sich haben, sondern ich ihnen diese Bedeutung zuschreibe, wird ihre Bedeutung nicht weniger gewichtig, im Gegenteil.

Die oben erwähnte allgemeine Gültigkeit ist etwas, dass ich mir auch ohne mich, ohne mein Zutun vorstellen kann. Aber unter Bedeutung stelle ich mir etwas anderes vor. Etwas, wie soll ich sagen – bedeutsameres. Ein allgültiger Wert ist für mich zwar von Bedeutung, doch diese Bedeutung hat er nicht einfach an sich, sondern erst in dem Moment, in dem ich ihn erkenne, als Kind das kleine 1×1 erlerne, und ihn anwenden kann, zum Beispiel das erste Mal einkaufen gehe und nachrechne, wie viele Süßigkeiten ich mir für mein Taschengeld leisten kann. Dieses Erkennen und Anwenden des Wertes 1+1=2 verleiht ihm Bedeutung. Dadurch werden jene Wahrheiten, Tatsachen oder auch Hypothesen, denen ich eine Bedeutung zuschreibe, tatsächlich und wirklich wertvoll. Wirklich und tatsächlich – zwei sehr bedeutungsreiche Wörter – im Gegensatz zu bloß theoretisch.

Freud hat in jeder Zigarre … nun ja, zumindest selten eine Zigarre gesehen. Aber ganz so besessen davon war er nun doch nicht. Schließlich hat er eingeräumt, dass sie manchmal doch nur genau das ist: eine Zigarre. In einem meiner Lieblingscomics, Neil Gaimans Sandman (aus dem auch das Beitragsbild stammt), entführt dieser Sandman, auch einfach „Dream“ genannt, eine junge Frau in ihren Träumen (denn Träume sind sein Reich). Sie fliegen gemeinsam über eine Landschaft und diskutieren darüber, ob sie nun einfach träumt oder ob er wirklich da ist. Wahr ist eigentlich beides. Die junge Frau merkt an, dass wir laut Freud tatsächlich von Sex träumen, wenn wir vom Fliegen träumen. Und Dream stellt eine äußerst kluge Gegenfrage: Wovon träumen wir dann tatsächlich, wenn wir von Sex träumen?

So einfach ist das mit der Traumdeutung eben nicht, das hat auch Freud nie behauptet. Ich denke, es ging ihm ähnlich wie Kant in seiner Transzendentalphilosophie mehr um Möglichkeiten.

Träume sind Schäume? Nein: Träume sind, was Du draus machst!

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