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Warum Japaner*innen die besseren Kantianer*innen sind

Oder: Warum ich in Japan 8 Monate schnupfenfrei war

Kürzlich lag ich mit einem fiesen Atemwegsinfekt eine ganze Weile im Bett. Da hatte ich viel Zeit nachzudenken. Viele (auch die Ärzte und Ärztinnen) fragten mich, wo ich mir das einfangen hätte. Als ob ich das wüsste. Irgendwo auf dem Weg von Berlin nach Flensburg muss ich mich angesteckt haben. Ein gewisser Verdacht fiel auf das Familienabteil des ICEs (Kinder fassen nun mal gerne alles an und niesen auch schon mal in die Gegend), wobei auch die meist schmuddelige und immer zugig-kalte RE7 eine gute Kandidatin wäre. Wer da was mit welchen Händen angefasst hat, will ich gar nicht wissen. Fakt ist: Ich weiß nicht, bei wem ich mich angesteckt habe. Nur, dass irgendein Mensch dazu beigetragen hat, es an mich weiterzugeben.

Um meinen Mann nicht anzustecken und weil es komfortabler ist, als jedes Mal ein Taschentuch vorzuhalten, wenn man mindestens drei Mal pro Minute hustet, hatte ich einen japanischen Mundschutz umgebunden (leider hatten wir davon nur noch ein paar, bevor ich auf deutsche Mundschutze umsteigen musste, die deutlich weniger bequem sind).

Das Tragen des Mundschutzes sorgte ebenfalls für Irritation beim ärztlichen Personal:

Warum tragen Sie denn den Mundschutz? (off-Text: Sie sind doch schon krank. Oder sind Sie gefährlich ansteckend?)

– Weil ich huste (off-Text: und niemanden anstecken möchte) –

Um uns zu schützen???

– Ja –

Husten Sie denn Blut?

– Nein (sollte ich?)

Dieses Gespräch habe ich exakt so geführt.

In Japan würde ein solches Gespräch nicht stattfinden. Dort ist es ganz normal, einen Mundschutz zu tragen, wenn jemand krank ist, auch dann, wenn kein Blut gehustet wird und es lediglich ein Schnupfen ist. Es gibt viele Gründe, so eine Maske zu tragen (siehe unzählige Youtube-Videos dazu), die es dort in jedem hyaku-en-shoppu, dem japanischen 1-Euro-Laden, auch in pink, schwarz oder mit Hello Kitty-Motiv gibt. Wenn Krankheiten ins Spiel kommen, geht es aber tatsächlich um den Schutz der anderen. Die meisten Deutschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, denken, dass die japanischen Menschen sich selbst damit vor Krankheit schützen wollen. Das würde aber nur funktionieren, wenn ich bei jedem Kontakt mit Menschen einen Mundschutz tragen würde. Ich weiß ja nicht, wer gerade krank ist. Tatsächlich ist es andersherum sinnvoller.

Als ich so im Bett lag, kam ich nicht umhin mich zu fragen, warum ich in den 8 Monaten in Japan nicht einmal eine solche Maske tragen musste. Hier in Deutschland bin ich jeden Winter mindestens einmal krank. Und ich bin nicht die einzige. Bei Bekannten lag die Mutter über die Feiertage mit Magen-Darm im Bett, ebenso erging es meinem Bruder, beide Kinder einer Schulfreundin waren über Weihnachten ebenfalls krank, was im Alter von 3,25 und 0,58 Jahren besonders blöd ist.

In Japan hatte ich alles Mögliche, vom entzündeten Insektenstich (5 cm Durchmesser!) bis zum verstauchten Knöchel, aber keine einzige Erkältung oder ähnliches. Warum also 8 Monate ohne den kleinsten Schnupfen?

a) weil Kyoto in den Subtropen liegt und es immer schön warm ist?

Nicht, als wir am 1. März dort ankamen! Morgens lag Raureif auf den Dächern und in dem Miniappartement, das wir in den ersten zwei Wochen übergangsweise hatten, gab es keine Heizung. Nur die Klimaanlage, die kalt eindeutig besser konnte als warm. Die Fenster waren Schiebefenster, die natürlich nicht dicht waren. Wir waren auch nicht darauf vorbereitet, sodass ich alles, was ich hatte, übereinander anzog. Ich sah aus wie ein schwarzes Michelin-Frauchen, fror aber immer noch. Da hatte ich fest mit der ersten Erkältung gerechnet.

Und auch im Sommer war ich verwundert, mir keine Erkältung einzufangen. Draußen +40°C und 99% Luftfeuchtigkeit, im Bus gefühlte -10°C und eine Klimaanlage, die mir die Haare um die Ohren wehte. Also, warum war ich nicht krank?

b) weil wir uns im Land der 100-Jährigen so gut ernährt haben vielleicht?

Auch das nicht am Anfang! Im Miniappartement war auch Kochen eine echte Herausforderung, sodass wir uns viel von Fast-Food ernährt haben, sowohl japanischem als auch ausländischem. Und bis zum Schluss zählten japanischer Nudelsalat, Gyoza, der Freshness-Fish-Burger und die Eiersalatsandwiches aus den Convenienceshops zu meinen Leibspeisen. Unterm Strich würde ich sagen, dass ich mich in Deutschland gesünder ernähre, auch weil Gemüse hier so billig ist. Das war es also auch nicht.

Kann es denn sein? Kann das wirklich funktionieren? Das mit den Masken?

Dieser Gedanke kam mir, als ich da so mit meiner Maske im Bett lag. Wenn die Person, bei der ich mich angesteckt hatte, eine getragen hätte, müsste ich jetzt keine tragen. Und bei genauer Betrachtung ist diese japanische Angewohnheit nicht nur rücksichtsvoll, sondern – und damit kommen wir auch zu Kant – vernünftig!

Kant spricht in der Metaphysik der Sitten von der „Verhinderung eines Hindernisses der Freiheit“. Ein Zwang oder eine Einschränkung meiner Freiheit ist dann kein Widerspruch zu ihr, wenn dadurch ein Hindernis der Freiheit nach allgemeinen Gesetzen selbst verhindert wird. Und dementsprechend ist es vernünftig, eine individuelle Einschränkung meiner Freiheit zu akzeptieren, wenn dadurch die Freiheit aller (also auch meine eigene) sichergestellt wird. Es ist vernünftig, sich an (vernünftige) Gesetze und Regeln zu halten, auch wenn sie mich in meiner Freiheit beschränken. Und es scheint durchaus vernünftig, wenn ich einen Mundschutz trage, um andere nicht anzustecken. Auch wenn sich dieser Mundschutz wie eine Einschränkung meiner persönlichen Freiheit anfühlt.

Das Ganze lässt sich sogar mit dem moralischen Kompass, dem Kategorischen Imperativ prüfen:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Ich will nicht, dass ich und andere krank werden (mein Wille). Wer krank ist, steckt andere bei Kontakt wahrscheinlich an. Wenn ich nun selbst krank bin und einen Mundschutz trage, stecke ich andere nicht an, daher mache ich es zu meiner Maxime, immer einen Mundschutz zu tragen, wenn ich krank bin. Und wenn alle das tun würden (allgemeines Gesetz), stecken sie andere und auch mich nicht an.

Klingt gut! Und funktioniert besser, als die deutsche Variante. Als ich beim Arzt saß (bevor es bei mir richtig losging), war da auch eine Mutter mit Sohn. Er konnte gerade so laufen und langweilte sich furchtbar. Auch er musste husten. Die Mutter sagte das, was wir alle gelernt haben: Hand vor den Mund! Ein paar mal ist es ihm auch gelungen und er sah ganz stolz zu seiner Mutter, die ihn lobte. Nachdem er sich in die Hand gehustet hatte, fasste er natürlich mit genau diesen Händen alles Mögliche an, die Stühle im Wartezimmer, die Jacke, die er fälschlicherweise für die seiner Mutter hielt… Und das tun wir doch alle! So schnell ist meist kein Taschentuch zur Hand, also wird herzhaft in selbige hineingeniest. Und dann der Knopf an der U-Bahn-Tür gedrückt, das Geländer angefasst…

Wer hat sich das bloß ausgedacht???

Huste und niese in deine Hand und fasse danach alles Mögliche damit an – das scheint mir kein gutes allgemeines Gesetz zu sein. Ich versuche immer, in meinen Ärmel zu husten oder zu niesen. Aber auch da geht natürlich leicht was daneben.

Mir scheint, dass dagegen das Tragen eines Mundschutzes zum Schutz anderer durchaus ein gutes allgemeines Gesetz abgibt, das die Freiheit einiger Weniger einschränkt (die aber ohnehin durch die Krankheit selbst schon eingeschränkt sind) und der Freiheit aller, sich gesund durch die Welt zu bewegen, zugutekäme. Selbst die, die schon krank sind, würden davon profitieren. Hätte ich mit meiner leichten Erkältung auf dem Weg nach Flensburg einen Mundschutz getragen, hätte ich mir ja auch den Atemwegsinfekt wahrscheinlich nicht geholt.

Gerade das, was uns an anderen kurios oder auch unhöflich erscheint, ist oft das Vernünftigere. Wenn es um Erkältungen geht, wird das sehr anschaulich. Generell ist japanischen Menschen daran gelegen, alles Schlechte bei sich zu behalten und nicht auf andere loszulassen, von negativen Gefühlen bis hin zu Körperflüssigkeiten. Und dementsprechend machen sie das Gegenteil von einer weiteren Regel, die wir als Kinder beigebracht bekamen: schnauben, nicht hochziehen! Auf keinen Fall hochziehen. Das ist nicht nur unhöflich, sondern angeblich auch gefährlich. Zumindest letzteres hat sich mittlerweile als falsch herausgestellt. Bis in die Nebenhöhlen gelangt es normalerweise nicht und im Magen werden die Bazillen dann ordnungsgemäß entsorgt. Aber unhöflich, eklig ist das Hochziehen schon, oder?

Nun ja, wenn es um Auswurf geht, gibt es eigentlich bei genauer Betrachtung gar keine höfliche Möglichkeit, damit umzugehen, weil das, womit wir es zu tun haben nun mal eklig ist. Egal, was wir damit tun. Michel de Montaigne hat bereits Ende des 16. Jahrhunderts in seinen Essais festgestellt, dass wir, wenn es um derartige Fragen geht, von unserer eigenen kulturellen Prägung geblendet werden. Ein französischer Edelmann habe seinen Auswurf nicht wie üblich in ein Taschentuch entsorgt, sondern frei in die Landschaft hinein. Auf entsprechende Kritik habe er darauf hingewiesen, dass es doch wesentlich ekliger und ziemlich kurios sei, selbigen in ein edles Tuch zu spucken und dieses dann den ganzen Tag mit sich in der Brusttasche herumzutragen. Wo er recht hat…

Manchmal sollten wir unsere Erziehung und kulturelle Prägung reflektieren und, nun ja, vielleicht nicht unbedingt hochziehen, aber zumindest darüber nachdenken, was wir da tun, wenn wir in die Hand niesen und diese kurz darauf jemandem zur Begrüßung reichen. Prinzipiell scheint es mir vernünftiger und rücksichtsvoller, Schlechtes bei sich zu behalten. In diesem Punkt scheint mir eine Japanerin die bessere Kantianerin zu sein.

Vielleicht mache ich als gute Kantianerin mal einen Selbstversuch und setzte das nächste Mal bei einer Erkältung einen Mundschutz auf, wenn ich unterwegs bin. Ich bin gespannt auf die Reaktionen

Die Sendung mit der Motte

Heute: Kant erklärt mit Trump!

Dieser Blog-Eintrag ist ungewöhnlich, weil ungewöhnlich philosophisch. Aber auch das kann erstens Spaß machen und zweitens täuscht das Bild der Kantischen Philosophie. Es stimmt zwar, dass Immanuel Kant, der „Lehnstuhlphilosoph“ schlechthin, nie aus seinem Königsberg herausgekommen ist und seine komplizierte Philosophie scheint im akademischen Elfenbeinturm auch recht gut aufgehoben zu sein. Aber tatsächlich hat sogar diese trockene Philosophie eine gewisse Relevanz in der Welt da draußen. Die Sendung mit der Motte weiterlesen

Macht Bildung glücklich?

Eine meiner Studentinnen hat sich kürzlich als Titel ihrer Bachelor-Arbeit die Frage ausgedacht: Macht Bildung glücklich? Ein schöner Titel. Und ein schönes Thema (es wird um Platon gehen). Aber plötzlich begann in mir selbst die Frage zu rumoren. Macht Bildung glücklich?

Herbert Schnädelbach, ein mittlerweile pensionierter Philosoph, sagte einmal zu Beginn einer Lehrveranstaltung zur Einführung in die Philosophie: Philosophie macht nicht glücklich. Daraufhin seien einige der neuen Studierenden aufgestanden und hätten die Vorlesung verlassen.

Ja, Philosophie macht nicht glücklich. Macht Bildung glücklich? weiterlesen

Träume

Als ich einem sogenannten Tagtraum nachhänge, fällt mir das Titelthema wieder ein, das der SPIEGEL kürzlich hatte: „Nachts im Gehirn. Warum wir träumen“. Was mir einfiel war nicht der interessantere Teil über das Klarträumen (wenn wir wissen, dass wir träumen und die Handlung teilweise steuern können) und die Möglichkeiten, die das provozierte Klarträumen in der Therapie von Trauma-Opfern bietet. Nein, es war das scheinbar unwichtigere, das, was nicht ganz neu war. Die Frage, ob Träume etwas bedeuten oder nicht. Dort gebe es zwei Lager: Die einen suchen nach einem „verborgenen Sinn in Träumen, die anderen halten sie für das Nebenprodukt unwillkürlicher Hirnsignale – ein wildes Funken der Neuronen, ohne jede Bedeutung“, so der Artikel.

Dass mir genau das einfiel, passt irgendwie auf kuriose Weise gleichermaßen zum Thema des Artikels und meiner Gedanken. Ich frage mich, ob wichtig und nicht wichtig so klar zu trennen sind und was genau es bedeuten soll, dass Träume etwas bedeuten – oder auch nicht.

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Von Krieg und Frieden

Im schlimmeren Falle kann es kommen, daß man mich […] in den Krieg schickt, wo ich gezwungen werde, Menschen fremder Nationalität, die mir nichts gethan haben, zu töten, wo ich verstümmelt und getötet werden kann, wo ich an einen Ort kommen kann, wie das in Sewastopol war, und wie es in jedem Kriege vorkommt, wo Leute in den Tod geschickt werden, und was das Qualvollste von allem ist, ich kann gegen meine eigenen Landsleute geschickt werden und werde meinen Bruder töten müssen um dynastischer oder mir ganz fremder Regierungsinteressen willen.


Entmutigend zeitlos erschienen im Frühjahr 2014 diese Worte Lew Tolstois, der 160 Jahre zuvor den Krimkrieg (1853-1856) in Sewastopol miterlebte und diese Zeit in seinen Sevastopoler Erzählungen verarbeitete. Rund 60 Jahre zuvor wiederum war Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden erschienen, die er mit folgenden Worten einleitete:

Zum ewigen Frieden
Ob diese satirische Überschrift auf dem Schilde jenes holländischen Gastwirths, worauf ein Kirchhof gemalt war, die Menschen überhaupt, oder besonders die Staatsoberhäupter, die des Krieges nie satt werden können, oder wohl gar nur die Philosophen gelte, die jenen süßen Traum träumen, mag dahin gestellt sein. (Immanuel Kant, 1795)

ewigerfrieden
Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf von Immanuel Kant. 1796

[…] fürchterlicher als der Tod, den der Krieg in der materiellen Welt aussät, ist jenes Leben, das er, fast ohne Ausnahme, im Bewusstsein aller Menschen erzeugt. (Fedor Stepun, 1916)


Die russisch-deutschen Beziehungen waren vielleicht nie ganz konfliktfrei. Erstaunt es, dass das letzte Zitat von einem russischen Neukantianer deutscher Herkunft stammt, der im Ersten Weltkrieg auf Seiten Russlands diente, nachdem er 1910 die Zeitschrift Logos (Skt. Petersburg / Tübingen) gemeinsam mit den deutschen Soziologen Max Weber und Georg Simmel gegründet hatte? Vielleicht.

Auf beiden Seiten wurde Kants ‚Traum‘ vom ewigen Frieden geträumt und von einer kriegerischen Realität immer wieder eingeholt. Doch neben den politischen Konflikten gab es seit jeher auch konstruktive Dispute und Kooperationen. Kants ewiger Friede ist uns eine ewige Aufgabe. Und nicht zuletzt waren es Philosophen oder Dichter wie F. W. J. Schelling, F. Dostojewski oder B. Pasternak, die uns durch ihren realen oder fiktionalen Dialog hoffen lassen, dass es nicht vergebens ist jenen süßen Traum zu träumen, unter jener Prämisse, die der 1790 geborene russische Philosoph und Freimaurer Sergei P. Trubezkoi formulierte:

Wir wissen und glauben in der Tiefe unseres Wesens, dass es eine Wahrheit und ein Gesetz gibt, die alle anerkennen müssen, eine Schönheit, die alle sehen müssen.

Und, möchte ich hinzufügen: einen Frieden, an den wir alle glauben wollen.